DIE NORMANDIE
- Gabi Quiatek

- 17. Aug.
- 12 Min. Lesezeit
Teil 1: Herzögliche Historie, schwarze Kühe und Camembert

Das fängt ja gut an. Wenn ich mich schonmal für eine Reise mit der Bahn entscheide! Bin ich denn von allen guten Geistern verlassen, mich in die Höhle der Verspätungen und verpassten Anschlüsse zu stürzen?
Wie dem auch sei, ich will nicht mit dem Auto die ganze Strecke fahren, und in bestimmte Regionen Frankreichs kommt man per Flug nicht nonstop und schnell hin. Das Leben wird irgendwie immer noch über Paris gelenkt, das heißt, ohne einmal wenigstens den Charles-de-Gaulle-Airport zu grüßen, oder den Nordbahnhof, geht es nicht.
Dann will ich doch wenigstens vor meiner Haustür ab Dortmund starten und den Eurostar nach Paris buchen. Will ich. Geht aber nicht, denn wegen Gleisbauarbeiten wird der Zug erst in Köln eingesetzt. Macht nichts, dann lasse ich mich eben von meinem Mann nach Köln bringen.
Kurzfristig entscheide ich mich dann doch, noch einen ICE von Dortmund nach Köln zu buchen (für den scheinen die Gleisbauarbeiten nicht zu gelten, warum auch immer), damit wir nicht morgens gar im Stau auf der A1 vergammeln.
Zwei Stunden Übergangszeit in Köln plane ich sicherheitshalber ein, denn man weiß ja nie, was bei der Deutschen Bahn alles vorfallen kann.
Ich sitze im ICE in Erwartung der Dinge, die da kommen. Wer aber nicht kommt, ist der Lokführer. Er hat sich krank gemeldet, ein gesunder muß her, und zwar möglichst schnell. Ein entnervtes Raunen höre ich hinter mir vom Zugbegleiter, aber super freundlich bringt er mir meinen bestellten Kaffee.
Es ist 5:36 Uhr, der Zug kommt gerade mal nur aus Münster und hat bereits eine halbe Stunde Verspätung. Dennoch bleibt mir in Köln genügend Zeit zum Umsteigen.
Der Eurostar nach Paris kommt aber nicht, er hat Verspätung! Als Grund werden später im Zug, der mehrfach noch an der Strecke stehen bleibt und sich damit weiter verspätet, die Gleisbauarbeiten zwischen Dortmund und Köln genannt, und das so häufig, dass auch dem letzten klar wird, dass der Übeltäter die Deutsche Bahn sein muss.
Es erschließt sich mir allerdings nicht, warum die Gleisbauarbeiten der Verspätungsgrund sein sollen, wenn der Zug ja gar nicht aus Dortmund kommt. Aber was soll´s, ich sitze hier bequem (natürlich nicht so wie in unserem Reisebus) und bringe meinen Laptop in Gang. Ein interessantes Buch über Geheimnisse der Geschichte habe ich mir im Bahnhof als Reiselektüre gekauft, doch wie immer, werden es unterwegs sicher nur 10 Seiten, die ich darin lese, denn es gibt so viel anders zu tun und zu sehen.

Meinen Anschlußzug in Paris verpasse ich natürlich, wie sollte es anders sein. Zwei Stunden hatte ich eingeplant, um vom Nordbahnhof zum Bahnhof Saint Lazare zu kommen und mir am Bahnhofsvorplatz mit dem schönen Uhrenmonument in einem Bistrot noch einen Kaffee in Pariser Luft zu gönnen, aber die sind auf dem Weg nach Paris - wegen der Gleisbauarbeiten zwischen Dortmund und Köln natürlich, vertrödelt worden.
In Caen wohne ich super zentral am Place de la République. Jede französische Stadt scheint ihren Republikplatz zu haben. Vive la France!
Der in Caen ist wunderbar mit Bäumen umkränzt und hat viele Blumenkästen, sogar mit noch blühendem Bunt, obwohl es so lange schon viel zu heiß und zu trocken ist. Aber "La République" ist ein Aushängeschild, da muss es blühen.
Blauer Himmel, schöne Gebäude, ein leichtes Sommerlüftchen. Es könnte einem schlechter gehen.

Nach einem freundlichen Check-in will ich sofort mein Zimmer erstürmen und platziere die Magnetkarte vor Nummer 108. Geht nicht. Na, das ist ja so ein Ding mit der Kartenprogrammiererei, da muss man leider wieder zur Rezeption. Aber noch gebe ich nicht auf, sehe mir ungefähr sechsmal das rote Lämpchen an und ruckele an der Tür. Da öffnet jemand, also wurde Zimmer 108 wohl doppelt belegt. Sicherheitshalber entschuldige ich mich mit dem internationalen „Sorry“ und bekomme auch eine freundliche Antwort auf Englisch. Ein Brite also, da entschuldige ich mich als Englandkennerin gleich noch dreimal.
Viermal „sorry“ hält einfach besser.
Ich schaue erneut auf meine Zimmerkarte und stelle fest, dass ich falsch bin. 106 steht da drauf, doch ich könnte schwören, la dame à la reception hätte „cent huit “ gesagt, 108.
Brille auf beim Einchecken, sage ich mir, sowie vor allem die Ohren aufsperren und sicherheitshalber nochmal die französischen Zahlen üben.
Bei den kommenden Frühstücken habe ich eine gute Gelegenheit, „Cent six“ mehrfach zum Besten zu geben. Hoffentlich habe ich dieselbe Nummer im nächsten Hotel, sonst komme ich doch total durcheinander.
Ich öffne das bodentiefe Flügelfenster in meinem Zimmer und fühle mich auf einmal wie Emily in Paris, was Serienfans ein Begriff sein sollte. Für alle, die das nicht kennen: Die Amerikanerin Emily tritt ihren Job in Paris an, hat viele traumhafte Pläne im Kopf und eine Wohnung mit Blick auf diese wundervollen typisch französischen Häuser mit den Mansardendächern. Die habe ich jetzt auch beim Blick aus meinem Fenster. Obwohl Caen tatsächlich nicht voller Häuser im Pariser Stil ist, sondern eine Mischung aus Moderne, Pariser Machart und Fachwerk.

Obwohl ich schon ziemlich müde bin, stürze ich mich noch ins Getümmel. Die Geschäfte sind bis 19 Uhr geöffnet, es herrscht lebendiges Treiben in den Einkaufsstraßen, ist aber nicht zu voll wie an manchen Hotspots. Bei einer kleinen Runde möchte ich rasch meine Orientierung auffrischen.
Man hört viele amerikanische Stimmen, was nicht verwundert, denn die Invasionsküste ist nicht weit, wo man wahrscheinlich auf Erinnerungstour zu Ehren des Großvaters geht und schaut, wo er ein Teil der Truppen war, die Frankreich von den Nazis befreit haben.
CAEN ist die Hauptstadt des Departements CALVADOS. Na bitte, da haben wir schon eines der 3 normannischen C‘s: Calvados, Cidre und Camembert. Kommt mir alles noch auf den Tisch, aber zunächst will ich beim Eroberer und seiner Frau vorbeischauen. Wilhelm, Herzog der Normandie und Mathilde von Flandern. Da reiten sie am Schloss entlang, Cousin und Cousine, tss tss tss. War doch eigentlich verboten, und besonders schlimm ohne Erlaubnis des Papstes. Aber ok, wenn man als Entschuldigung ein bis zwei prächtige Abteien stiftet, dann kann man auch mal ein Auge zudrücken.

Vielleicht zeigt das moderne Reiterstandbild Wilhelms Aufbruch nach England, dessen Eroberung seine Glanzleistung war. Vom Bastard des Herzogs der Normandie zum König von England. Was für eine steile Karriere.
Übrigens steht die Mathilde noch an verschiedenen anderen Stellen in Caen, immer mit der selben Sturmfrisur, die Haare nach hinten abstehend. Entweder stand sie zeitlebens im Wind, oder die Frisur war einfach so. Ich mache mir schon sehr detaillierte Gedanken, wie man vielleicht merkt 😉.
Schnell noch einen Besuch in der Kirche St Pierre absolvieren, denn das Abendlicht ist gerade ideal für herrliche Impressionen durch die vielen Fenster dieser gotischen Kirche.

Der Altarraum wirkt wie ein Werk aus Spitze, und tatsächlich gibt es ein schönes Farbspiel durch das hereinfallende Licht.
Ein Gottesdienst ist im Gange. Ich denke, ich bleibe mal ein wenig, um mein Französisch aufzupolieren.
Nur was nützt das Vokabular von Gott, dem Heiligen Geist und Bibelsprüchen auf Französisch, wenn ich meinen Gästen auf unseren Gruppenreisen behilflich sein möchte, etwas zu trinken oder zu essen zu bestellen? "La sainte Cène", das letzte Abendmahl, ist sicher nicht das, was an Vokabular im Hotelrestaurant benötigt wird.
Ich tausche also das Gotteshaus gegen ein paar reizende Geschäfte und das dafür benötigte Alltags-Französisch. Liebe Shopping-Mädels, das ist was für Euch!!!
Wenn ein Laden schon „Zum kleinen Glück“ heißt. Plural sogar. Glücke! Also ganz viele kleine Glücke. Die will man doch!

Individuelle kleine Boutiquen finden sich hier viele, und ich schaffe noch den schnellen Kauf eines T-Shirts. Den Frust, Größe 48 wählen zu müssen, habe ich schon vor Jahren überwunden, denn französische Größen sind anders als unsere. Man muss hier einfach umdenken. Größe 48 ist kein Zelt, sondern relativ normal.
In der Brasserie Royal beschließe ich den Tag bei einem Kir mit Blick auf den schönen Platz mit Platanen. Sind das Platanen??? Egal, es ist ein Platz mit wunderschönen Bäumen.
Kir ist eigentlich ein Getränk aus Burgund. Aber die Kellnerin muckt nicht, sondern denkt vielleicht im Stillen, dass ich eine unwissende Touristin bin, die nicht weiß, dass das normannische Nationalgetränk der Cidre ist.
Und weil ich das sehr wohl weiß, bestelle ich ... noch einen Kir. Die Atmosphäre ist so schön, das Getränk wirkt, also sollte ich noch eine Kleinigkeit essen. Ein Camembert roti wird es, so kommt dann wenigstens ein normannisches Produkt auf meinen Tisch. Ich habe mich mittlerweile ganz wunderbar "installiert", es ist toll hier. Der Franzose (und natürlich auch die Französin - Genderquote erreicht) setzt sich nicht und macht es sich bequem, er installiert sich. Er reist ja auch nicht, sondern wird transportiert. All dass hört sich eher ungemütlich an, aber andere Länder, andere Ausdrucksweisen.
So fragt mich die Kellnerin auch nach meinem Essen, ob alles "bien passé", also gut verlaufen ist. Ja, mein Camembert war herrlich über das knusprige Baguette verlaufen, aber ich weiß natürlich, dass nicht das gemeint war, sondern ob es geschmeckt hat.

An der Hotelrezeption möchte man wissen, wann ich zu frühstücken gedenke. Das scheint noch ein Relikt aus der Coronazeit zu sein, aber was weiß ich schon, wann ich morgen aufwache? Ich gebe 9:00 Uhr an, um freundlich zu sein, wohlwissend, dass ich mich ohnehin erst 10 Minuten vor Frühstücksende am Tisch installiert haben werde.
Und genau so ist es dann auch. Ich greife am nächsten Morgen so eben noch ein leckeres Baguette ab, mit Camembert, scheppe mir etwas Joghurt auf das für mich in Frankreich als "Must have" geltende Apfelmus und bestelle "un petit café".
Wenn Du in Frankreich immer alles mit "un petit", also "etwas" oder "klein" bestellst, dann kannst Du dich sehr französisch fühlen.
Alles ist klein. Die Hotelzimmer (mit einigen Ausnahmen), die Betten mit 1,40 m für zwei Personen als immer noch üblicher Standard, ein kleiner Camembert, ein kleiner Kir, ein kleiner Moment etc. Petit petit.... in der Grande Nation.

Apropos Grande Nation, da will ich doch mal schauen, wo deren Wurzeln liegen und mache mich auf zum Château de Caen, der Abbaye aux Dames und der Abbaye aux Hommes. Das sind die drei Trümpfe dieser Stadt.
Die Normandie war im Mittelalter zeitweise mächtiger als der französische König. Ja, genau, es gab Frankreich, die Bretagne, die Normandie und noch ein paar andere Herzogtümer. Das große Land Frankreich von heute gab es so nicht.
Und als sich Herzog Wilhelm, französisch: Guillaume, oder englisch: William (such Dir den wohlklingendsten Namen aus) sich aufmachte, um die ihm versprochene englische Krone abzuholen, war der französische König gegen diese Supermacht wirtschaftlich und politisch ein Witz. Wobei ich nach wie vor nicht verstehe, warum die Herzöge der Normandie sich das mit dem Lehnseid gegenüber einem wesentlich Schwächeren haben gefallen lassen. Wahrscheinlich sind Pflicht und Ehre im Spiel gegenüber demjenigen, dem eigentlich ursprünglich das Land gehörte, und das war eben der französische König. Kompliziert? Geht so.
Schau mal, die Normandie war einst das Objekt der Eroberungsbegierde der Wikinger, also der Nordmänner, oder eben Nor(d)mannen, die bekanntermaßen nicht zimperlich waren, sich mit beharrlichen Angriffen einzuverleiben, was sie sich auf den Einkaufszettel geschrieben hatten.
Man muss nur lange genug terrorisieren, dann kommt man an ein gutes Stück Land, das fortan La Normandie heißt.
So geschehen als der französische König sich dachte, die geben endlich Ruhe, wenn sie Land bekommen. Nur den Lehnseid mussten sie ihm schwören. Gesagt, getan, was ist schon so ein Schwur? Aus taktischen Gründen gesagt, aber nicht immer ernsthaft befolgt.
Wilhelm wird das später ohnehin gelassen gesehen haben, denn als englischer König war er vollkommen unabhängig vom Franzosen.
Soweit also die Geschichte, das soll genügen.
Ich laufe zur Herrenabtei bei 37 Grad und schaue mir an, wo der Eroberer seine letzte Ruhe gefunden hat. In der Abteikirche ist es kühl, aber dennoch will man ja mit ihm nicht tauschen.

Da liegt er nun, ganz allein, zumindest die wenigen Knochen, die man nicht geplündert hat. Nur ein paar Tausend Touristen kommen regelmäßig vorbei.
Seine Mathilde liegt in der Frauenabtei, die mir übrigens nicht ganz so gut gefallen hat wie das männliche Pendant.
Da haben die beiden sich so hart die Rechtmäßigkeit ihrer Ehe erkämpft, einen Haufen Geld ausgegeben für ihr Seelenheil, und am Ende gibt es noch nicht einmal traute Zweisamkeit im Grab.

Rund um Caen dreht sich vieles um die Historie des berühmten Herzogs, seiner Eroberung Englands 1066, seiner glorreichen Normandie und dem im 14. Jahrhundert über hundert Jahre andauernden Machtgeplänkel zwischen England und Frankreich. Mit dem tragischen Ende in Rouen, das passend zum Schluss meiner Reise auf dem Programm steht, wo man Jeanne d‘Arc verbrannt hat.
Zum Verarbeiten diverser historischer Tragödien brauche ich nun Zeit am Strand und fahre zu den schwarzen Kühen, Les Vaches Noires, so heißt die imposante Ansammlung dunkler Felsen an der Küste nördlich von Caen.
Meine Küstenwanderung zieht sich länger und länger hin, weil ich mich zum einen an den Felsen nicht satt sehen kann, zum anderen die Hoffnung habe, einen Rundweg gehen zu können. Unvorbereitet, wie ich manchmal durch die Gegend stiefele (aber ich schwöre, auf meinen Gruppenreisen ist das ganz anders!), nehmen die Kühe gar kein Ende, und ich komme auch irgendwann nicht wirklich weiter, es sei denn ich stürze mich in die Fluten des Ärmelkanals, dessen Wasser sich gerade entscheidet, zur Flut zu werden.
Aber solange die Fischer noch am Wasser stehen und ihre Angeln auswerfen, wird‘s schon in Ordnung sein, so dass ich weiter durch die Kuhherde stapfe. Mit dem Ergebnis: 5 km wieder zurück. Kein Leid ist größer, als das was man sich selbst antut, pflegte meine Oma zu sagen. Also ertrage ich die Gluthitze, wische mir zum hundertsten Male den Schweiß ab, trage die 3. Schicht Sonnenschutzfaktor 50 auf und wandere die ganze Strecke wieder zurück.

Erschöpft lande ich schließlich in Villers-sur-mer und mache mir keine Gedanken mehr darüber, ob man es [Vill-ähr] oder [Vil-jähr] ausspricht. In einer Strandbar ordere ich eine Schale Pommes, was anderes ohne Fleisch gibt’s nicht. Diese Kartoffelstreifen, die sogar ohne Windstoß sofort umknicken, sind leider wirklich schlecht. Knuspereffekt gleich Null, an die Mayonnaise traue ich mich bei der Hitze gar nicht erst ran. Auch spätere Versuche an anderen Orten, wo ich leider allzu oft nichts schönes Vegetarisches finde, fällt die Kartoffel gnadenlos durch. Liebe Franzosen, schaut doch einfach nochmal über den Ärmelkanal. Dort weiß man, wie leckere Pommes gehen.
Der Ausblick über den Strand entschädigt für dieses Gericht, das man eigentlich gar nicht so verpampen kann, und mein Energielevel steigt allmählich wieder. Immerhin ausreichend, um noch einen anderen Küstenort zu besuchen, aber bitte nicht mehr zu Fuß.
Mit meinem Leihwagen, einem Citroen in schmuckem Weiß (noch) und mit überaus freundicher GPS-Stimme, die mir sogar rechtzeitig rät, mich geistig auf das Rechts- oder Linksabbiegen vorzubereiten, ehe ich das dann wirklich mache, fahre ich nach Ouistreham und erlebe einen herrlichen Sonnenuntergang am Strand. Vergessen sind die bislang in relativ hoher Dosis eingesaugten Geschichtsdramen, hier sind Spaß und Atmosphäre pur angesagt. Wobei mir beim Strandleben in der heutigen Zeit doch ein kleiner Gedanke in den Kopf kommt, dass Wilhelm der Eroberer es um einiges leichter gehabt hätte, die strategische Marschroute vom Riesenrad am Strand aus zu planen. Mit Weitblick - fast bis England.

Der nächste Tag führt mich nach Falaise, und was soll ich sagen, da steht eine Burg. Dreimal darfst Du raten, wer dort geboren wurde. Der Held dieses Blogposts, Wilhelm. Und die Geschichte dazu ist wirklich romantisch und neben einem Relief auch textlich festgehalten: Robert, Herzog der Normandie, kommt eines Tages von der Jagd zurück und sieht die Gerberstochter Arlette, eine Schönheit mit einem Teint wie Rosen. Er verliert sofort sein Herz an sie und lässt sie auf einem Pferd zu sich in den Wohnturm holen, auf dass sie ihm Freude bringe. Das hat wohl geklappt, denn neun Monate später wird Wilhelm geboren.
Wie hätte dieser erahnen können, dass heute Touristen durch sein Schloss laufen und sich mit einem Tablet ausgerüstet digital informieren, welche Möbel er und seine Nachfahren hatten? Es ist Erstaunliches möglich in der heutigen Zeit, und ich lasse mich hinreißen, auch diese Burg noch von innen anzuschauen.

Die ganze Familie "de Normandie", eine Art Nachnamen hatten sie ja erst mit dem Urenkel Wilhelms (Plantagenet), erscheint dort wie von Geisterhand an den Wänden und erzählt von sich und ihrem Leben.
Ich kann nicht umhin, begeistert zu sein, wo doch ansonsten die Burg eine Ruine und innen so gut wie leer ist. Ein Tipp auf einer Normandiereise ist sie auf jeden Fall.
Zurück in Caen, es ist schon wieder dunkel, erwische ich die Herrenabtei noch angestrahlt und halte rasch direkt auf dem Platz davor. Ist ja keiner mehr da, den ich störe, und im Übrigen sei hier erwähnt, dass man auch tagsüber fast überall einen Parkplatz bekommt, meistens sogar gratis und oft so nah dran, dass man quasi direkt in den Altarraum fällt oder dem Eroberer vor die Hufe seines Reiterstandbild-Pferdes fährt.

Einzig in Bayeux wird der Tourist beim Parken zur Kasse gebeten, doch das ist nachvollziehbar, denn hier hütet man das wahrscheinlich Einmaligste in Sachen Eroberung Englands überhaupt: Die berühmte Tapisserie de Bayeux, die eben gar kein Teppich ist, sondern eine nahezu endlose Stickerei, die zeigt, wie man in 1066 über den Ärmelkanal auf England zusteuerte und dort in der Schlacht von Hastings siegte. Pferde, Boten, Soldaten, sterbender Angelsachsenkönig, Konkurrent bei der Thronfolge mit Pfeil im Auge, ein mutmaßlich lüsterner Geistlicher, Bischöfe, Schiffe, alles dabei.

Derzeit ist das Kunstwerk nach London ausgeliehen, die Räumlichkeiten in Bayeux werden renoviert. Bis 2027 muss aber alles fertig und der Wandbehang zurück sein, denn dann feiert die Normandie, dass ihr Wilhelm 1000 Jahre alt geworden wäre.
Wenn da nicht dieser Reitunfall gewesen wäre, bei dem er schwerst am Unterleib verletzt wurde. Wochenlang lag er im Sterben, und das Drama nahm seinen Lauf als sein Leib so aufgebläht war, dass er nicht in den Sarg passte. Als man versuchte, ihn hineinzuquetschen, ist er aufgeplatzt. Was für ein Ende!
Aber um meine Fantasie wieder in reale Bahnen zu lenken, die 1000 hätte er auch ohne den Unfall nicht geknackt. Und dennoch ist er hier in der Normandie und zumindest in Form von Burg- und Abteiruinen auch in England unsterblich.

Bayeux, das darf bei aller Historie nicht unerwähnt bleiben, ist eine sehr hübsche Stadt mit kleinen Geschäften, einer grandiosen Kathedrale, einem romantischen Flüsslein und vielen Restaurants. Davon habei ich allerdings keines ausprobiert, denn ich habe meistens Hunger, wenn man in der Normandie gerade mal so gar nichts bekommt, weil die Mittagszeit vorbei und die Abendküche noch nicht eröffnet ist. Hier bin ich einfach zu England-verwöhnt, denn dort gibt es immer was, wann immer einen der Hunger überkommt. Nicht so in der Normandie, das muss ich täglich leidvoll erfahren. Kurz vor dem Hungertod um 16 Uhr rettet mich dann nur das ewig und quasi in jeder Bar verfügbare Crepe oder Galette, was als normale Mahlzeit nicht mein Fall ist, oder..... Pommes.

Im zweiten Teil, das ist versprochen, wird es nur noch profan, keine Historie, bis auf einen kleinen Exkurs, da ich die Invasionsküste entlang fahre. Ansonsten alles Strand, Käse, Bootsfahrten, Schafe und eine Insel, die zum Vereinigten Königreich gehört. Oder auch nicht.
Ich freue mich, wenn Du mir weiter folgst.





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