Tromsø- Ein Wintermärchen
- Gabi Quiatek

- vor 26 Minuten
- 8 Min. Lesezeit
Teil 2:
Ein tierisch schöner Tag. Rentiere, Huskys und Elchwarnung

Man kann in Norwegen schon gut Geld ausgeben, aber wenn Du bedenkst, dass Du hier in Kronen bezahlst, dann bitte, stelle Dich nicht so an! Du bist im Besitz von mehreren Hundert Kronen, die ja bekanntermaßen aus Gold und Edelsteinen bestehen, was ist Geld dagegen??? Nimm also Deinen schnöden Mammon und buche Dir die schönsten Ausflüge. Du bekommst viel Natur, Engagement und Information dazu. Und sogar noch was zu Essen.
Genau das musste mir im Nachhinein mein Mann nochmal klarmachen, denn ich bin selber oft dieser Jammerer und Sparfuchs. Wobei, für meine Kunden ist das natürlich nicht schlecht, denn ich drehe alles Touristische schon dreimal um, damit ich das Beste an Leistungen heraushole.

Nach einem sehr guten Frühstück, das schon Komponenten vom Mittagessen mit einschließt, geht es also heute in die Tierwelt und in das Leben der Maschas und Lappen. Sorry es heißt natürlich korrekt „Sámi“, das indigene Volk Norwegens.
Sie leben im Norden Norwegens, Finnlands, Russlands und Schwedens und haben ihre eigene Kultur und Sprache, die uns auf einem sehr informativen Storytelling-Ausflug Johan nahe bringt.
Er hat mit seiner Familie eine Rentierherde von etwa 2500, die 200 km von Tromsø entfernt gerade unter nicht einfachen Bedingungen im Tiefschnee Futter suchen und vor gar nicht so langer Zeit der Gefahr eines mordenden Luchs‘ ausgesetzt waren. Dieser hat sich im Schnitt jeden zweiten Tag ein Ren geholt, wodurch Johans Familie 180 Tiere in einem Jahr verloren hat. Und da diese Tiere der Familie einfach alles bedeuten, denn sie sind ihre Lebensgrundlage, was er immer und immer wieder deutlich macht, hat er bei der Regierung angefragt, ob sie diesen Luchs töten dürften. Das wurde zunächst einmal abgelehnt und Wissenschaftler in die Berge geschickt. Wahrscheinlich, um zu überprüfen, dass Johan nicht lügt und am Ende die Rentierherde besser zum Schutz der mordlustigen Grosskatze umgesiedelt werden sollte (Sarkasmus aus). Das und anderes sind Probleme, mit denen sich dieses Volk auseinandersetzen muss, um ihr Leben und die Anerkennung als ebenso wichtige Bürger zu erhalten.
Johan erklärt, dass übrigens entgegen der Meinung, alle Sámi wären Rentierzüchter, die meisten tatsächlich vom Fischfang leben.
Doch genug von seinem Storytelling, Du solltest selbst Tromsø besuchen und Dir alles anhören, es ist wahnsinnig interessant und vielfältig. Ich hätte ihm stundenlang zuhören können.

Für uns geht es nun an die Fütterung der Rentiere, das sind ungefähr 250, die nahe Tromsø auf einer sehr großen Fläche im Camp leben und im Gegensatz zu ihren 200 km entfernt lebenden Kumpels quasi entspannte Ferien genießen, in denen man ihnen einfach einen grünen Eimer mit leckeren Pellets reicht, die sie nur auf der Zunge zergehen lassen müssen, ohne auch nur einen Huf dafür zu krümmen.
Diese Herde hat sich Johans Bruder zugelegt, weil er eine eigene wollte, die nun hauptsächlich für diese Aktivitäten der Besucher gehalten wird. Aber auch diese Genossen kommen ab und zu ins Gebirge, damit sie nicht vergessen wie Futtersuche geht. Und die anderen kommen dann für eine Zeitlang in dieses Rentier-All-Inclusive-Resort.
Ganz allmählich schieben sich auch die Wolken beiseite, so dass ich natürlich jedes bereits geknipste Ren noch einmal vor die Linse bitte, um es bei Sonne abzulichten. Man weiß ja, dass man einfach immer zu viel fotografiert, weil gerade in diesem Moment die Sonne noch besser steht, das Ren da links doch das schönere Geweih hat, aber halt, das da rechts steht gerade so schön da und kratzt sich. Wobei, das mit den X-Beinen ist doch noch viel schöner.

Zur Mittagszeit, auch dieser Ausflug ist über 4-5 Stunden ausgelegt, gibt es in einer großen Holzhütte einen Rentier-Eintopf und für die Vegetarier eine Gemüsesuppe. Dazu Wasser, Tee, Kaffee, Kakao und Kekse.
Und viele schöne Gespräche mit Leuten aus aller Herren Länder. Das ist doch das Schöne am Reisen, dass man mit so vielen unterschiedlichen Nationen in Kontakt kommt.
Sie alle haben dieselben Interessen, dieses Land kennenzulernen und einen friedlichen Urlaub zu verbringen. Es kann doch so einfach sein mit der Völkerverständigung, das liegt mir gerade in Anbetracht der aktuellen Lage am Herzen, es nochmal zu erwähnen.
Ich unterhalte mich nett mit zwei in den USA lebenden Japanern, die mir Tipps geben, was man sich in Japan unbedingt ansehen muss, so dass ich quasi schon mit einem Bein im Flieger dahin sitze, so motivierend ist es.
Im Gegenzug erzähle ich von Schottland, das sie sich unbedingt ansehen sollten.
In Bayern waren sie logischerweise schon….

Wir sind alle satt, die Rentiere auch. Die letzten grünen Eimerinhalte werden unter die Geweihträger gebracht. Wir bekommen die Instruktion, die Eimer möglichst weit von uns weg zu halten, da zwar die Tiere freundlich und ungefährlich sind, kommt aber der Kumpel vorbei und findet den Inhalt des Eimers spannender als den eben, gibt es schonmal Geweihkämpfe, in die man nicht zwischengeraten sollte. Jacke kaputt oder Ähnliches.
Ich halte mich tunlichst daran, was allerdings nicht so einfach ist, denn wenn das Ren seinen Kopf in den Eimer schiebt, drückt es diesen immer näher an mich heran, und außerdem kann unbemerkt das nächste von der Seite ankommen und sich vordrängeln. Ich bilde mir ein, meine extrem pinke Jacke halten sie für die Hauptfutterquelle, denn sie kommen in Scharen.
Daraufhin gebe ich meinen Eimer zurück und mache einen Spaziergang, um mir ganz in Ruhe die Tiere in dieser herrlichen Landschaft anzusehen. Es ist ein wundervoller Tag.

Zurück in Tromsø muss ich das grandiose Wetter ausnutzen und auf den Hausberg Storsteinen, das heißt soviel wie “Großer Stein“.
Entlang der Fjordpromenade wandere ich Richtung Brücke, die zur Eismeerkathedrale führt. Es ist ein buntes Treiben in den Straßen, unter Heizstrahlern sitzen die Menschen draußen und genießen die Sonne.
Schiffe fahren hin und her, das Postschiff Hurtigruten liegt vor Anker, und auch ein Bus pendelt zwischen beiden Seiten des Fjordes mit dem Text „Shuttle Aida Luna“ oben in der Leuchttafel. Was ist das denn? Um diese Zeit eine Aida hier im Fjord? Es ist verwirrend, aber der Busfahrer hat vielleicht noch nicht bemerkt, welche Info er da durch die Gegend fährt, oder die Anzeigetafel ist kaputt.

Durch eine schöne Wohnsiedlung spaziere ich zum Fjellheisen, das ist die Gondel rauf auf den Berg. Oben ist es fantastisch, aber auch fantastisch eisig. Mütze, Schal und Handschuhe kommen jetzt erstmals alle zusammen zum Einsatz. Gleissendes Licht knallt auf die Schneeflächen, hier braucht man keine Schneekanonen, das ist alles Natur.
Übrigens habe ich immer wieder Menschen mit Skiern unterm Arm rumlaufen sehen, finde sie aber nirgendwo eine Piste runterfahren und bin schon fast versucht zu glauben, es ist einfach schick, mit Skiausrüstung durch Tromsø zu laufen. Jede Zeit hat so ihren Trend.

Am Rande sei hier erwähnt, dass in dieser eisigen Höhe auch wieder die Instagrammer unterwegs sind, die sich im flatternden Kleidchen vor der Kamera drapieren, wobei eine extrem Geschminkte gar nicht bemerkt, dass der eben wohl verspeiste Burger einen hässlichen Fleck auf ihrem weißen Röckchen hinterlassen hat. Ich habe daran meinen Spaß und bin versucht, sie darauf hinzuweisen, dass sie ihr rechtes Bein gar nicht so in Szene setzen braucht, denn ihr Unterteil sieht halt gerade ziemlich Sch…. aus.
Halte dich raus, korrigiere ich mich gerade noch, während mir eine ausgerutschte Schönheit vor die Füße schlittert.

Die gute Luft macht hungrig, es ist auch schon fast 18 Uhr. Auf das Essen mit den Huskys warten oder zwischendurch als Erste-Hilfe-Maßnahme einen leckeren Karottenmuffin nehmen?
Er kostet nur umgerechnet € 11,11, da schlage ich doch gleich mal zu. Eine Tasse Kaffee ist auch noch inklusive. Und lecker! Norwegisches Gebäck und norwegischer Kaffee, damit könnte ich den Rest meines Lebens bestreiten!
Um 19:00 Uhr stehe ich dann am Busterminal, bereit für das „Aurora Husky Adventure“. Auch wenn kein Nordlicht da ist, verspricht der Ausflug, dass es allein die tollen Huskys wieder wettmachen. Ich bin gespannt.
Es schneit, aber der Busfahrer kennt seine Straßen und bringt uns sicher zur Farm.

Und da steht auch schon der Begrüssungshund. Pan hat seine Hütte ganz am Eingang, denn er scheint der geselligste von allen zu sein und drängt sich einem förmlich auf.
Wir bekommen die Regeln erklärt, wie wir uns verhalten sollen: Husky vor der Hütte = kuschelbereit. Husky in der Hütte = Ruhepause respektieren und nicht rauslocken.
Kapiert. Wir haben eine gute Stunde Freizeit mit den Hunden.
Es handelt sich bei diesem Rudel um Alaska Huskys, das sind nicht die weiß-hellgrauen Hunde mit den stechenden Augen, die man im Allemeinen im Kopf hat, also keine sibirischen Huskys.
Diese Renn- und Ausdauertalente sind speziell aus den schnellen Whippets und Polarhunden gezüchtet worden.
Ich muss immer noch verarbeiten, dass ein solcher Hund eine Strecke von 1200 km rennen kann. Zwar mit Pausen, aber immerhin. Aber die Mascha, die Schlittenhundeführerin, sagt das.
Das Gelände ist sehr groß, man kann am Lagerfeuer sitzen, schön warm auf Rentierfellen, man kann in die warme Hütte gehen oder auf die Terrasse, von der aus man normalerweise den Himmel mit Nordlichtern bestaunen kann. Heute Abend ist es leider bedeckt, also keine guten Aussichten, aber dennoch sind sie da, irgendwo da oben hinter den Wolken.
Im Vergleich zu Bildern, die ich von Kunden bekommen habe, ist mein Nordlicht-Streifchen recht armselig, aber ich muss es dennoch hier für einen kleinen Aha-Effekt präsentieren.

In der Tat ist der Ausflug auch ohne Nordlicht sehr schön, wozu aber nicht nur die Huskys beitragen, sondern auch die tollen Informationen der Mascha und ganz allgemein die Atmosphäre draußen auf der Terrasse und drinnen in der Holzhütte beim Essen. Ich weiß nicht, was mir da gereicht wurde, aber es hat hervorragend geschmeckt. Kuchen gab es noch hinterher und heiße Schokolade. Mit dieser Zuckerdröhnung, gepaart mit Lagerfeuer wird einem kuschelig warm. Es geht nochmal kurz zu den Hunden, von denen sich aber auch schon einige in den wohlverdienten Schlaf verabschiedet haben.

Ein Motorschlitten steht dort einsam im Schnee, auch eine schöne Idee für einen noch temperamentvolleren Ausflug. Mir werden gerade noch einmal die vielen Möglichkeiten hier bewusst, und während wir uns alle auf der Nordlicht-Terrasse mit dem gerade nicht vorhandenen Nordlicht sehr wohlfühlen, gibt es auf einmal Elch-Alarm. Die Hunde starten einen Chor aus Geheul und Gebell. Unser Reiseleiter erzählt, dass ein paar Meter unter uns, am Ende des Abhangs, oft Elche auftauchen, und die Hunde spüren das.
Manch einer in der Gruppe möchte natürlich gern, dass eben dieser Elch jetzt genau vor uns auftaucht, doch die Einheimischen versichern uns, dass wir genau das nicht wollen, weil es für uns nicht gut ausgehen könnte. Die Giganten trampeln alles platt, verwüsten Gärten und sind häufige Ursache für Verkehrsunfälle.
Die örtlichen Guides haben extra eine Whatsappgruppe, über die jeder seine Elchsichtungen bekannt gibt.
Ein schöner Abend geht zu Ende, der Bus bringt uns zurück. Eine leise Hoffnung habe ich dennoch, dass wenigstens ein Elch am Wegesrand…. denn der Bus wird ihn schon aushalten….. Aber nein, keiner da.
Gute Nacht aus Tromsø mit nachfolgenden praktischen Tipps, was Du hier alles noch erleben kannst.

PRAKTISCHE TIPPS:
Huskytouren mit und ohne Nordlicht, mit und ohne Schlittentour über das Villmarkcenter oder über uns. Ab ca. € 150,-.
Rentiere füttern, mit oder ohne Schlittentour, ebenfalls über das Villmarkcenter oder über uns. Ab ca. € 150,-
Schneeschuhwanderung mit oder ohne Rentiere, wobei die Rentiere nicht mit Schneeschuhen mitlaufen, sondern einfach nur bestaunt und gefüttert werden. Buchungen siehe oben.
Alle Ausflüge sicherheitshalber im Voraus buchen und nicht zu knapp. Die Plätze sind begrenzt und begehrt.
Auffahrt mit dem Fjellheisen ca. € 50,-. Man kann vor Ort Tickets kaufen, es geht nach „First come - First serve “
Leckeres Gebäck in der „Vervet Bakeri“ in der Nähe der Brücke im Viertel Vervet
Buslinie 24 oder 28 sehr regelmäßig zwischen Stadtzentrum und Eismeerkathedrale für ca. € 3,50. Zu Fuß aber auch sehr gut machbar.
Busticket für 24 Stunden etwa € 9,-, wobei aber Tromsø sehr kompakt und gut zu Fuß zu entdecken ist.





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