Gottedienst mit Charles III (na ja, fast...)
- Gabi Quiatek

- 27. Dez. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Eine meiner Stationen im Urlaub liegt etwa 90 km vom Sandringham Estate entfernt, der Residenz, wo die königliche Familie Weihnachten feiert. 90 km, was ist das schon? Lieber mal ein paar mehr Kilometer auf mich nehmen, um dann aber abends wieder gemütlich in derselben Hütte einzukehren, statt Tag für Tag die Koffer zu packen für einen Standortwechsel. Und wer weiß, was einem auf dem Weg dorthin noch alles so über den Weg läuft.

Für den 25.12. ist der royale Gottesdienst auf dem Programm, und da Google fast alles weiß und mir sagt, dass viele (ok, vielleicht auch tausende) schon Stunden vorher dort campen, ausgerüstet mit Campingstühlen, Kaffee und Sandwiches, entscheide ich für mich, den Wecker auf 6 Uhr zu stellen, um spätestens um 7 Uhr auf dem Weg zu sein. Als gemütliche Autofahrerin plane ich 2 Stunden Fahrt ein, wobei es am Ende tatsächlich nur 1,5 sind.
Der Wecker klingelt. 6 Uhr. Ich kriege das mit, weiß aber in dem Moment überhaupt nicht, wo ich bin. Zu Hause, auf einer Gruppentour oder im Urlaub? Ich muss gerade eine Tiefschlafphase gehabt haben, die man um 6 Uhr nicht unterbrechen sollte. Also schnell auf die Schlummertaste gedrückt für weitere 9 Minuten Entspannung bzw. Wachwerdphase. Meine Abfahrtszeit 7 Uhr ist noch weit weg.

Der Wecker klingelt. 6:09 Uhr. Oh nein! Das ging schnell. Ich bin aber auch schnell, und was muss ich schon groß machen außer kurz duschen, Zähne putzen und ein bisschen Haare machen? Das reicht noch. 9 Minuten Entspannung.
6:18 Uhr. Schon wieder so schnell vorbei. Ja, bin ich denn eigentlich verrückt geworden, mir das mit Sandringham anzutun? Es werden tausende von Menschen dort sein, ich werde gar nichts sehen und mir höchstens den Hintern abfrieren. Für was?
Andererseits, nun bin ich schonmal in der Nähe, also sollte ich mich auch aufraffen. Weitere 9 Minuten gehen aber noch. Die Royals werden mich sowieso nicht angucken, also brauche ich auch kein Make-up.
6:27 Uhr. Eigentlich muss ich gar nicht unbedingt duschen, nach einem Tag im Winter stinkt man nicht, ich gönn´mir nochmal ein paar Minuten.
6:36 Uhr. Jetzt muss ich aber wirklich raus aus den Federn. Ich will mir noch ein Sandwich schmieren, mit dem ich dann als Frühstück in Sandringham die Zeit überbrücke. Sollte ich die Rinde abschneiden, wie ich es in einem Buch gelesen habe, das König Charles es aus Aberglauben heraus tut? Sonst geht am Ende wegen mir noch das ganze Empire unter! Aber ich habe keine Zeit mehr für solche Extras, also gehe ich das Risiko ein. Dann gehen wir eben beim Gottesdienst in Sandringham gemeinsam unter.

Ich schaffe es nicht, um 7 Uhr loszufahren, aber was soll´s, ich kriege das immer noch hin. Dann stehe ich eben in der letzten Reihe. Immerhin habe ich eine neue Kamera zu Weihnachten bekommen, die mit einem 1,40 m langen Stick ausgestattet ist. Da werde ich die Royal Family schon einfangen, das wäre doch gelacht.
Nachdem ich im Ferienhaus dreimal was vergessen habe und dreimal die Hütte wieder aufschließen muss, attestiere ich mir, dass ich wirklich verrückt bin. Wer macht denn sowas Bescheuertes und stellt sich als Mensch aus einer Republik in eine Reihe von Tausenden, um einem Monarchen zuzuschauen, wie er den Weg zu einer Kirche entlang geht?

Jetzt sitze ich im Auto und entspanne mich. Niemand ist unterwegs, die Straßen sind frei, ich höre BBC2 mit Weihnachsliedern in Dauerschleife, gemischt mit der Stimme meines Navigationsgeistes "Take the second exit to stay on A47", "Thank God, it´s Christmas"... "Continue straight on, Mary´s Boychild", "Turn left, Rudolph, the red nosed reindeer".
Es ist ein herrlicher Morgen.
Meine Tankanzeige ist ein wenig im 1-Blöckchen-Bereich, deswegen hatte ich mir bereits gestern vorgenommen, noch zu tanken, da am 25.12. sicher alles geschlossen ist, inklusive Tankstellen. Aber ich habe es vergessen und rechne aus, dass ich mit einem Blöckchen Sprit eigentlich noch hinkommen müsste. Wenn nicht, ist in Sandringham hoffentlich für mich noch ein Zimmer frei. Ich habe das Anwesen ja bereits einmal besichtigt, das sollte passen, wenn man nur ein bisschen zusammenrückt. Was mir allerdings nicht gefallen würde, ist die am Eingang stehende altertümliche Personenwaage aus den Zeiten von Edward VII (wer den nicht kennt, er ist/war der Sohn von Queen Victoria), auf der alle Gäste vor und nach dem Essen gewogen werden. Was für eine peinliche Idee! Darum hoffe ich umso mehr auf das Durchhalten des Tanks meines Leih-Renaults.
Kurz vor Sandringham habe ich dann doch ein paar mehr Autos vor mir. Also bin ich gar nicht so spät dran. Doch drei Wagen biegen nicht ab, wie schön, dann habe ich also schonmal 3 Autos mit geschätzt je 3 Passagieren, also 9 Leute, hinter denen ich mich nicht anstellen muss. Bleiben sicher nur noch 991....
In der Ferne sehe ich bereits Polizisten. Es wurde im Internet schon angedeutet, dass man kontrolliert wird. Hoffentlich beschlagnahmen sie nicht meinen 1,40 m langen (Nicht-)Selfie-Stick, mit dem ich ganz locker aus einer Entfernung dem König auf den Kopf klopfen könnte.
Um 9:15 Uhr stehe ich dann bei Königs auf der Matte, nun, um genau zu sein, auf der Parkwiese des Anwesens.

Der Parkplatz ist gar nicht mal so voll wie ich erwartet hatte, doch es scheint, dass sich extrem viele Menschen zu Fuß von irgendwo her aufgemacht haben. Es gibt eine beachtliche Schlange vor einem Tor.
Erneut befällt mich der Gedanke, dass mit mir irgendwas nicht stimmt, dass ich mir das antue. Ich habe doch schon Windsor Castle gesehen, Balmoral, Highgrove und auch Sandringham. Wie die Royals aussehen, kann ich mir auf Youtube ansehen, also was mache ich denn hier eigentlich in dieser Wahnsinns-Schlange? Doch nach 90 km gibt man nicht auf. Als die quasi Heilige Pforte geöffnet wird, geht es sogar recht schnell. Taschen- und Körperkontrolle, reine Routine. Ich bin drin und finde sogar ein annehmbares Plätzchen. Lasset die Firma kommen, ich bin bereit.
Wie in Großbritannien üblich, kommt man recht schnell mit Menschen ins Gespräch, und wir tauschen aus, wie wir das Wetter finden, fragen uns, ob die Töchter vom Ex-Prinzen Andrew dabei sein werden und von woher wir angereist sind. Bei der letzteren Frage schieße ich in meinem Zuschauerbereich den Vogel ab, und das, obwohl tatsächlich Menschen mit Koffern in unmittelbarer Nähe stehen mit einer LHR-Banderole, also sind sie am Flughafen in Heathrow gelandet. Vielleicht haben sie die ja noch vom letzten Urlaub auf Mallorca dran gelassen. Nur wozu stehen sie hier mit Koffer?

Hunde sind auch da, jede Menge, und sie alle tragen hübsche Weihnachtspullis, adventliche Fliegen um den Hals oder haben eine Weihnachtsgirlande als Leine. Einige sitzen im Kinderwagen, und da es mittlerweile aus dem recht matschigen Boden kalt meine Füße hinaufkrabbelt, würde ich gern mit dem Vierbeiner neben mir tauschen, der in einer kuscheligen Decke in seinem Gefährt weilt. Herrchen und Frauchen reden auf Labrador, Beagle, Schnauzer und Co. ein, sie sollen sich beruhigen, "Their Royal Highnesses" kommen ja gleich. Gut, dass man das den Hunden nochmal gesagt hat, sonst wüssten sie gar nicht, weswegen sie da rumstehen müssen.
Dann gehen tausend Handys hoch, das Zeichen, dass sich irgendwas tut. Die royale Familie eilt herbei, drückt dem Pastor kurz die Hand (ich hoffe, ich habe nicht seinen Dienstgrad reduziert und er ist am Ende ein Bischof) und huscht in die Kirche.

Das war´s jetzt? Ich bin entrüstet. Mein einziges Foto war mit Sonne im Hintergrund, sehr weit weg, so dass ich meinen Wartenden daheim alles hätte erzählen können, wer das da sein soll.
Dann beginnt jedoch der Gottesdienst, und man darf mitsingen. Ein Mann neben mir hält seinen Kopf so schräg und schiebt sein Ohr Richtung Lautsprecher. Ich vermute, er versucht, herauszuhören, ob Camilla auch mitsingt.
Jetzt warte ich auch noch den Gottedienst ab, der übrigens erstmal mit "God save the King" beginnt. Ich bin recht überrascht, dass so wenige mitsingen. Was ist denn los? Alle Stimmen eingefroren?
Ein großer Teil der Zuschauer verlässt bereits wieder das Feld, so dass ich weiter nach vorne aufrücken kann. Mein Platz gefällt mir, mir ist wahnsinnig kalt trotz dicker Kleidung und Mütze, aber ich harre aus, denn ich fahre doch nicht 90 Kilometer, ohne wenigstens einen Blaublüter aus der Nähe gesehen zu haben. Nicht mit mir! Ich habe noch 5 Nächte an derselben Stelle bei Stamford, da kann ich noch bequem eine Erkältung auskurieren, ehe es nach Edinburgh geht, wo ich mir beim Hogmanay, dem keltischen Neujahrsfest, dann gleich die nächste einfangen kann.

Den einstündigen Gottesdienst überstehe ich, weil ich etliche Weihnachtslieder, die aus den Lautsprechern übertragen werden, mitsingen kann und weil die Polizisten die Menge sehr nett unterhalten. Man beginnt den einen oder anderen kleinen Smalltalk. Auch die Bodyguards sind freundlich-gesprächig, vor allem, als sich etliche Frauen besorgt zeigen ob der dünnen Mäntel, die sie tragen. Man möchte wissen, ob sie noch eine dicke Weste darunter haben, damit sie nicht erfrieren. Und die Schuhe sind doch viel zu dünn (aber schick sehen sie aus, die ganzen Null-Null-Siebens). Also bitte, das sind doch Briten, die halten das aus. Gerade eben habe ich noch jemanden Cabrio fahren gesehen, schön luftig bei dem sonnigen Wetter, und Leute in kurzen Hosen waren auch unterwegs. Als ob man da in solch einer schicken, etwas zu dünnen Jacke erfriert.
Dann endlich kommen sie aus der Kirche heraus und begeben sich zum Merry-Christmas-wünschen-und-Geschenkannahme-Marathon auf ihre Untertanen zu.

Ich stelle fest, meine Position ist einmalig vorteilhaft, denn direkt neben mir sind Mutter und Tochter ausgestattet mit lächerlichen Brillen mit Weihnachtsbäumen oben drauf und entsprechend skurrilen Mützen. Das fällt auf, die werden bestimmt angesprochen. Und genau so passiert es auch. Prinz William findet die Mützen stylisch, Lady Louise möchte auch so eine (im Ernst???) und sogar Charles schmunzelt ob der komischen Verkleidung. Queen Camilla kommt sehr nah an uns heran, schüttelt Hände, ausgiebig und freut sich über das wunderbare Wetter. Ich verstehe "hi, everybody" und frage mich gerade, ob die verstorbene Queen oder auch deren Vorgänger, ein solch saloppes "Hi" über die Lippen gebracht hätten. Aber beim genaueren Hinhören, hieß es wohl "bye everybody". Ist aber auch lässig.

Wie dem auch sei, die Frau hat sehr schöne Augen und sieht für ihre 78 Jahre blendend aus. Sie kommt in weihnachtlichem Rot daher, was ihr sehr gut steht.

Nachdem Prinzessin Kate die Nachhut macht und das ganze Spektakel abrundet (Prinzessin Anne war ziemlich schnell durch, Edward und Sophie auch, und die Andrew-Töchter hatten einen schnellen Fuß, was auch kein Wunder ist) löst sich die Menge auf, und auch ich marschiere zu meinem Auto. Ein letztes Foto noch von Blumen und einigen Teddybären, die am Zaun auf die Weitergabe an Wohltätigkeitsvereine warten, dann geht es zurück nach Stamford. Mit einem kleinen Abstecher über Castle Rising, denn der Name klingelt in meinen Ohren.

Hat es sich gelohnt? Für mich schon, das muss ich zugeben. Ich bin absolut kein Royalist, aber mich fasziniert die britische Geschichte, zu der eben diese "Firma" auch gehört, und jetzt weiß ich auch, dass Prinzessin Kate wahrhaft schöne Zähne hat, Prinz William eine Lach-Stimme wie sein Vater und die Töchter von Andrew tatsächlich auch schöne Hüte in ihrer Garderobe haben.
Auf der Heimfahrt kommen mir Fragen über Fragen in den Sinn:
Gibt es in Sandringham jetzt Lunch und auch noch Abendessen? Wie schaffen die es, dabei so schlank zu bleiben?
Legt König Charles nach dem Essen einfach mal die Beine hoch, schaut fern (sich selbst mit seiner Weihnachtsansprache) und hat Pantoffeln an?
Sagt eines der Kinder am Tisch, dass sie dies oder das nicht mögen? Und dürfen sie dann eher vom Tisch aufstehen?
Unterhält man sich darüber, wie ulkig es ist, dass man früh morgens schon ungesehen beim privaten Gottedienst war und das ganze um 11 Uhr für Publikum nochmal wiederholen musste?
In diesem Sinne: Happy Christmas. Das "happy" behalte ich bei, weil mir auf der Hinfahrt die Aussage eines Kardinals sehr gut gefallen hat, dass "happy" nachhaltiger und intensiver ist als "merry". Bei "merry" ist man anscheinend nur kurz fröhlich, aber glücklich hält meistens länger. Sagt er....






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