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TAGEBUCH EINER WINTERREISE DURCH ENGLAND

Tag 1: Entspannung nach einem aufregenden Flug: Warwick Castle und die Beauchamp Kapelle

Es ist voll in Düsseldorf am Check-in-Abschnitt B, so dass ich froh bin, nur mit Handgepäck zu reisen und mich somit nicht in die Endlos-Schlange für die Gepäckaufgabe am Automaten stellen zu müssen. Weihnachtszeit halt... Nach Birmingham fliegen heute gar nicht so viele Leute, der Flieger ist nicht voll, ich sitze ganz allein in den ersten 3 Reihen, die als BIZ-Class gekennzeichnet sind. Manchmal gibt es für diese Sitzplatzklasse sogar ein gutes Angebot, und das habe ich einfach mal ausprobiert. Freier Mittelsitz, kostenfreies Essen, mehr Beinfreiheit.


Es ist ja manchmal lustig, dass ich als Touristikerin für meinen eigenen Urlaub entweder einen nicht mehr normalen Riesenaufstand mache oder aber alles Mögliche vergesse, was ich täglich meinen Kunden predige. Dann kommt oft auch Sinnfreies dabei heraus, wie jetzt mit der Business-Class, denn ein freier Mittelsitz ist zwar schön, aber ich fliege ja nur 1 Stunde und 10 Minuten. Ebenso ist mehr Beinfreiheit für mich sinnlos, denn ich bin klein. Und letztlich ist es ebenfalls sinnfrei, kostenfreies Essen genießen zu dürfen, wenn man am Flughafen vor lauter Langeweile schon ein riesiges Sandwich verdrückt hat.

Aber, wie gesagt, es war ein günstiges Angebot.

Nun sitze ich da, in Reihe 2, und kann mich ausbreiten wie verrückt, was allerdings beim Angeschnalltbleiben wiederum auch nicht gut möglich ist.

Ah, da kommt tatsächlich noch jemand und schmeißt sich in Reihe 1. Ja, tatsächlich, er lässt sich wie erschöpft in die Reihe mir schräg gegenüber fallen und jammert ganz doll. Ein Bandscheibenleiden, vermute ich. Aber er entpuppt sich als möglicherweise einfach skurriler Typ, denn er sagt andauernd ganz laut "aua aua". Dabei bemerke ich, dass er an die 10 Ohrringe pro Ohr trägt, die Haare fettig-strähnig, dünn und lang. Dabei von diesen leider auf dem Oberkopf nicht mehr so viele. Kann er natürlich nichts für. Shit happens im Alter, oder manchaml schon viel früher. Ein wenig erinnert er mich an einen durch Drogen abgehalfterten Rockstar, der auch im hohen Alter noch seinen jugendlichen, coolen Stil beibehalten will. Es ist schwer, den Anblick mit Worten zu beschreiben.

Sein Taschenriemen saß ursprünglich sicher korrekt schräg über seiner Schulter, ist aber jetzt so weit auf die Hüfte gerutscht, dass er seine Hose auffällig weit nach unten rutschen lässt.



Zuerst dachte ich, ich sehe nicht recht, doch als ihn die Stewardess auffordert, seinen korrekten Platz in der Flugzeugmitte einzunehmen, quält er sich laut jammernd wieder hoch und schleppt sich durch den Gang. Der Taschenriemen tut seine weitere Arbeit und zwingt die Hose in die Knie. Nun denn, wahrscheinlich ist der Mann krank und ich vielleicht ungerecht, aber ich kann mir ein Grinsen einfach nicht verkneifen. Und hingucken muss ich auch dauernd, weil ich es gar nicht glauben kann, dass er die Situation nicht bemerkt.

Eine Mutter mit Kind kommt noch ins Flugzeug und sucht hinter dem Mann gehend ihren Platz. Als das Kind sagt: "Mami, warum hat der Mann keine Hose an?" ist es um mich geschehen, und ich rücke an die Seite auf den Fensterplatz, damit zumindest die Stewardess meinen sich annähernden Lach-Flash nicht direkt bemerkt. Sie bleibt total gelassen und cool. Gelernt ist gelernt. Warum auch immer ich bei ihr dann hoch oben über den Wolken ein Bananenbrot bestelle, ist mir schleierhaft. Sowas esse ich nie und fürchte, da gab es eine Assoziation.

Landung in Birmingham. Sonne und blauer Himmel. Ich freu´mich so.

Der Mietwagen steht bereit, ich mache mich damit vertraut und starte. Bei den ersten zehn Metern fällt mir die Geschwindigkeitsanzeige und zahlreiche andere leuchtenden Symbole auf, die vom Display auf die Windschutzscheibe projeziert werden. Das ist total irritierend, so kann ich nicht fahren.



Zurück zum Vermieter und um Hilfe bitten. Jetzt wird es etwas feministisch, also Achtung. Ein Mitarbeiter erklärt mir, das könne man aus Sicherheitsgründen nicht abstellen. Sicherheit? Wenn ich damit drei Wochen durch England fahre, dann kann ich mich nicht auf den Verkehr konzentrieren, weil mir ständig Symbole ins Auge leuchten und ich darüber die Situation vor mir gar nicht konzentriert beobachten kann. Er zieht einen weiteren Kollegen zu Rate. Nein, das kann man nicht ausstellen. Ich will ein anderes Auto, bitte. Dann kommt eine Kollegin, die sich schnell in die PKW-Einstellungen einwählt und zack! das Geleuchte ausschaltet. Mit wiederum einem leichten Grinsen im Gesicht verlasse ich das Flughafengelände und mache mich auf nach Warwick.



Eigentlich wollte ich auf dem Weg zu meinem kleinen Studio-Cottage bei Upper Brailes in Stratford-upon-Avon spazieren gehen, quasi auf Shakespeares Spuren. Da sehe ich die Schilder nach Warwick, das unmittelbar vor Stratford liegt. Durch viele historische Romane ist mir der Begriff "Warwick" im Zusammenhang mit Grafen, Macht und Ruhm bekannt, und ich entscheide, die gleichnamige Stadt einmal anzuschauen.

Ich nehme den erst möglichen Parkplatz, man weiß ja nie, wo man sonst was Freies findet und lande am Castle, an der Burg. Da ich mir dieses Mal keinerlei Einschränkungen auferlegt habe, was Innenbesichtigungen anbetrifft, egal ob ich mit dem Eintrittsticket die ganze Sehenswürdigkeit zu kaufen scheine oder nicht, gehe ich also auch ins Warwick Castle.



Es ist eine prächtige Normannenburg, bei der man ganz lehrreich erkennt, wie Wilhelm der Eroberer im 11. Jahrhundert seine Flut an Burgen errichten ließ, nämlich als Motte and Bailey, das ist ein künstlich aufgeschütteter Hügel mit Burggraben ringsherum, zunächst nur eine hölzerne Burg obenauf, Burghof zu Füßen und fertig. Hier musste er gar nicht einmal so viel aufschütten, denn er baute auf einem bereits vorhandenen Sandsteinhügel. "Er baute", das sagt man so leicht, als ob King William dafür auch nur einen Stein selbst geschleppt hätte. Die strategische Lage, die er wählte, war perfekt, denn hier fließt der Fluss Avon vorbei, der Bahnhof ist nur 1 km entfernt und auch der Flughafen Birminghamt liegt mit 35 km um die Ecke. Spaß! Die Fantasie geht mit mir durch.

Später dann wird aus Stein gebaut und unter Umständen dann die gesamte Burg unten in den Burghof verlegt, denn Royals + Aristocats, pardon, AristocRates brauchen ja etwas mehr Platz. So kann man in Warwick heute sehr schön sehen, wie die ursprünglich errichtetet Holzburg lag und welche Pracht letztlich beim Neubau des Steinanwesens entstand.



Diese Steinburg sehe ich mir an. Innen und außen. Sie kommt etwa 20 Jahre nach der normannischen Eroberung in den Besitz von Henry de Beaumont, loyaler Begleiter des mittlerweile zweiten Wilhelms, und das zusammen mit sehr viel Grundbesitz und einem Grafentitel obendrauf. Loyalität zahlt sich halt immer aus, die Titel steigen, man wird Herzog und vererbt diesen Status an seinen ersten Sohn. Einen solchen sollte man tunlichst produzieren, sonst ist der Herzogstitel weg. Bei den Warwicks geht das sechs Herzöge lang gut, dann ist kein Sohn da, und das war’s dann mit dem. Glücklicherweise ist man dann ja auch noch Graf und verheiratet seine Töchter gut überlegt. So kommen die Beauchamps, Nevilles und Dudleys in den Warwick-Dunstkreis. Wer sich ein wenig mit englischer Geschichte befasst, dem kommen diese Namen bekannt vor.

Von all diesen Adeligen finden sich einige Hochkarätige in der St Mary´s Kirche in Warwick in der wundervollen Beauchamp-Kapelle.



Das ist etwas, das man sich unbedingt ansehen muss, und zwar nicht wegen der Plakette, die den Besuch von Prinzessin Anne im Oktober 2025 manifestiert, um an die Weihung der Kapelle vor 550 Jahren zu erinnern.

Ich bin irgendwie immer zu spät dran mit meinen Besichtigungen. Die Royals sind immer schon vor mir dort. Das passiert mir dieses Jahr schon zum dritten Male: Zuerst besucht Prinz Edward das Military Tattoo in Edinburgh einen Tag vor mir, dann reisen Charles und Camilla nach Rom, 3 Tage vor mir, und jetzt die Sache mit Prinzessin Anne, die Warwick 2 Monate vor mir besichtigt. So ist das Leben...

Ich betrete die St Mary Kirche, noch in dem Glauben, es wäre eine Kathedrale und lese in einer kleinen Broschüre, dass es schon vielen Besuchern so ergangen ist. Es ist aber eine "einfache" Kirche. Einen Bischofsstuhl sucht man vergebens. Mir fallen viele Orgeln auf, doch als Orgel-Laie kann ich nicht erkennen, ob es eine Orgel ist und an 4 anderen Stellen in der Kirche dann nur die Orgelpfeifen, oder ob es mehrere dieser Instrumente gibt. Ist aber eigentlich auch egal, die Kirche haut mich nicht so sehr vom Hocker. Da fällt mein Blick auf ein Hinweisschild zu einer Kapelle, und ich gebe dieser noch eine Chance, schön oder gar wunderprächtig zu sein und werde nicht enttäuscht.



Direkt in der Mitte steht ein riesiger Sarkophag mit einem Metallgerüst darüber, das aber den Blick auf die Statue desjenigen, der darin liegt, nur wenig einschränkt. Wenn ich mich auf Warwick vorher ein wenig vorbereitet hätte, dann wüsste ich bereits, dass dieses Metallgitter nicht dazu war, den Sarkophag vor Raub zu schützen. Hier liegt der einflussreiche Richard Beauchamp, ein Mann, Soldat, Graf und Königsmacher des 14. Jahrhunderts, in Bronze gegossen. Das allein manifestiert seinen Status und die Tatsache, dass er in seiner Zeit einer der reichsten Männer Englands war. Ein solches Metallgerüst wurde auf den Karren montiert, der den Toten zum Begräbnis fuhr, damit er nicht runterrutscht, ganz simpel gedacht.



Richards Metallgerüst war allerdings einem nachempfunden, das für Könige gedacht war. Und sogar mehr, denn seine letzte Reise war fast prachtvoller als die eines Königs. Und der Sarkophag in Warwick unterstreicht das zusätzlich.

Die große Fensterfront der Kapelle zeigt Figuren in Mänteln, deren Saum mit Juwelen bestickt ist. Es wird als einzigartig bezeichnet, als "jewelled", und in der Tat erlebe ich hier ein strahlendes Fenster, auch durch eben diese wie echte Juwelen leuchtenden Mantelsäume. Sehr beeindruckend.



Die Statue des Richard Beauchamp zeigt außergewöhnliche Besonderheiten: An seinen Händen sind die Adern zu sehen, durch die das Blut fließt, ein Zeichen für die Auferstehung. Seine Haare sind so modelliert, dass sie echt aussehen, seine Augen sind geöffnet und schauen zu der Gottesfigur oben am Fenster. Last, but not least, hält der die Hände nicht zum Gebete verschränkt, sondern einladend offen.

Das ganze Gebilde fasziniert mich dermaßen, dass ich mir die Zeit nehme, in einem hier liegenden Buch über genau diese besonderen Details zu lesen.



Weitere Sarkophage zeigen Robert Dudley, ebenfalls aus dieser Warwick-Sippe, der als Favorit der Königin Elizabeth I galt, und ein Grafen-Ehepaar, das einig nebeneinander im Grab liegt und sich sogar an den Händen hält und diese nicht im Gebet verschränkt. In der Tat waren Liebesheiraten in früheren Zeiten eine Seltenheit, doch bei diesen Warwicks war Liebe im Spiel.



Last, but not least liegt in der Kapelle auch der mit drei Jahren verstorbene Sohn von Robert Dudley begraben. Auch sein Sarkophag ist aufwändig gestaltet und seine Statue beeindruckend groß für einen Dreijährigen, doch man hat sie extra vergrößert, um auch der Tatsache mehr Bedeutung zu geben, wie groß der Verlust des einzigen Erbens für die Eltern war. Immerhin hat Dudley den Zorn der Königin riskiert als er sich bei der Nachricht des Todes seines Kindes ohne die royale Erlaubnis vom Hofe entfernte. Aber als Favorit der Königin konnte man sowas damals durchaus überleben.

Ich verweile relativ lang in dieser friedlichen Kapelle und genieße die Historie und Ruhe, bevor ich mich aufmache nach Stratford-upon-Avon, wo ich auf zwei britische Kulturgüter stoße: Shakespeare and Chips.

Dazu mehr im nächsten Blogpost.




 
 
 

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