Fantasie über den Stress auf mittelalterlichen Burgen
- Gabi Quiatek

- 30. Sept. 2025
- 6 Min. Lesezeit
ODER: VERGISS DIE BUTTER NICHT

Meine Fantasie geht manchmal mit mir durch. Vor allem, wenn ich mir bei Besichtigungen von mittelalterlichen Häusern, Kirchen oder Burgen vorstelle, wie sich damals ein Tag abgespielt hat, oder eine Woche, oder, ach du Schreck, ein ganzes Jahr.
Dann mache ich gedanklich eine kleine Zeitreise und beginne zu träumen.
Heute habe ich seit langem einmal wieder eine Burg besichtigt. In Bled in den slowenischen Alpen.
In Schottland, Frankreich, Italien oder sonstwo habe ich schon so viele gesehen, da muss nicht noch eine weitere her. Sie sind sich alle ähnlich, obgleich natürlich schön und sehenswert, wenn Du sie noch nicht kennst.
In Schottland erscheinen sie oft im für das Land so typischen Baronialstil, mit dem einen oder anderen Geist in grün oder grau, angekündigt durch Harfenklänge oder einen Dudelsack, der aus dem Nirgendwo tönt. Und wenn man Glück hat, bleibt der aktuelle Hausherr beim leise heraufschwingenden Klang am Leben, denn wie man weiß, kündigten solche Geistertöne oftmals den Tod an.
In Frankreich kommen sie umgewandelt zu prachtvollen Schlössern für völlig abgedrehte Könige daher, mit Gärten, wo Mätresse und Ehefrau sich im Gartendesign zu übertreffen versuchten, mit kurzen Betten im Schlafgemach und im nächsten Raum die lange Tafel mit Porzellan in grün, rot oder gold. Assoziationen beim Anblick der Betten, in denen sich in früheren Jahrhunderten die frisch vermählten Adelssprösslinge abmühen mussten, um dem hinter einem Vorhang erwartungsvoll ausharrenden Hofstaat zu beweisen, dass man die Ehe ordnungsgemäß vollzogen hatte.
Und im nächsten Raum dann, lasst mich raten, wieder ein Bett, ein kostbarer Mosaiktisch oder eine Bilderbatterie an Ahnen, die sich kaum jemand merken kann.
In Italien ist schon von außen zu erkennen: Dunkelrot, Türme, Zinnen: Visconti- oder Sforza-Burg. Dem einen oder anderen hat sie garantiert gehört. Die waren schließlich überall. Und ehe die von Borromeo jetzt meckern, die haben natürlich ähnliche.

Nun aber, in Bled, entscheide ich mich, samt slowenischer Reiseleitung und meinen Gästen, die Burg hoch über dem See zu besichtigen.
Motiviert von zwei Gründen, die dafür sprechen.
Zum einen fährt uns unser Bus hinauf, zum anderen muss ich ohnehin für alle den Eintritt lösen.
Die Reiseleitung bereitet uns schon darauf vor, dass der letzte Weg zu Fuß zur Burg sehr steil sein wird, und das ist er in der Tat. Nach den ersten 50 m bergauf vernehme ich nicht nur bei mir ein Japsen.
Wie haben die das denn im Mittelalter gemacht? Waren die mit 63 noch so fit? Aber nein, dann waren sie ja meist schon tot. War denn damals niemand in den Reihen der feindlichen Angreifertrupps, der gesagt hat: „Bis hierhin und nicht weiter. Das ist mir zu steil, den Stress mach´ ich doch nicht mit! Was haben wir denn davon, wenn uns die Burg gehört? Jeden Tag dieses stressige Geächze den Berg rauf. Und dann hast Du die Butter vergessen… Ist doch Mist. Wer geht jetzt wieder runter? Oder lassen wir heute das Abendessen einfach ausfallen?“

Nein, Essen muss sein, man muss schließlich gestärkt sein wenn morgen der Feind vor der Tür steht. Wie man hörte, hatten die Türken immer wieder mal Interesse an slowenischen Gebieten.
Ja, dann sollen sie doch! Da werden sie schon sehen, wie kompliziert das Leben hier oben ist.
Die haben doch so schöne Hotels an ihrer Riviera, mit All-Inclusive-Leistungen in der 5-Sterne-Kategorie. Wer will denn da ein stressiges Leben auf der Burg von Bled?
Von derartigen Widrigkeiten wie halsbrecherischem Kopfsteinplaster oder möglicherweise knietiefem Matsch schreibt kein Geschichtsbuch. Da heißt es einfach: Sie nahmen die Burg ein. Zack. Erledigt. Aber wie viel Gejammer gab es denn in den Reihen der Einfallenden bis die Einnahme vollendet war? Waren die immer noch munter und bereit, das wahnsinnig schwere Schwert leichthändig zu schwingen, oder mussten sie nicht doch erstmal durchatmen und sich wieder sammeln? Man bedenke, dass das Rittervolk in schwerer Rüstung daherkam und noch nicht mit den fußfreundlichen Birkenstöckern ausgestattet war wie wir heute.
Ah, Du meinst, die kamen schließlich zu Pferde? Dann schau Dir mal die letzten Stufen zur Burg rauf an, die nimmt der Gaul nicht, da wette ich. Die musste man schon zu Fuß gehen. Und dann kommt der Ritter oben an und soll € 20,- Eintritt zahlen. Mit Karte natürlich, und jetzt wird es spannend, aus welchem Land der angreifende Ritter kam. War er aus Deutschland, könnte er tatsächlich ohne Kreditkarte zum Angriff gestartet sein, denn mit Plastikkarten hat er´s nicht so und zahlt lieber bar. Sein italienischer Kollege hatte ihm bestimmt schon geraten, den Eintritt vorher online zu buchen und dann den QR-Code auf dem Handy am Fallgitter vorzeigen, aber auch damit hat´s der Germane nicht so. So ganz ohne Ausdruck auf Papier.
Waren solche Widrigkeiten endlich überwunden, schaute er sich im Burghof um und sah ein Schild "No entrance". Das ist doch frustrierend!

Ja, kann man denn jetzt nur noch am Tag des offenen Denkmals Eroberungen durchführen? Wo soll das enden? Auskunftsfreudiges Personal ist auch keines mehr da, das einem eine Liste mit Öffnungszeiten reichen kann, anhand derer man den nächsten Eroberungsversuch planen kann.
Beten wir Mal, dass es bald klappt. Aber beten? Wie denn? In der zur Burg gehörigen Kapelle sind keine Sitzgelegenheiten. Sparmaßnahmen also auch noch!
"Dann genießen wir halt die wunderschöne Aussicht", mag der Ritter gedacht haben, und „sehr schöne Wohnlage hier oben, aber dennoch: Hier möchte ich nicht tot über’m Zaun hängen." Sprach´s und verlor wahrscheinlich seinen Kopf, als der Burgherr auf das verirrte Träumerle aufmerksam wurde. Vielleicht gab es hier damals auch schon einen Zaun zum drüberhängen.
Auch die Burgfräulein(s) (damals durfte man noch Fräulein sagen) hatten es sicher nicht leicht. Sofern man sie in einer Sänfte den Berg hinauf getragen hatte, wurden sie so heftig durchgerüttelt, dass ihnen die leckere Bleder Cremeschnitte, die sie sich unten am See gegönnt hatten, wieder hochkam.

Und was, wenn der Göttergatte seinen Schlüssel vergessen hatte? Die Türdrückergarnitur war noch nicht erfunden, die ohne großen Aufwand aus der Ferne die Zugbrücke bewegte.
Dann rief er gar: „Schatz, lass Dein Haar herunter, auf dass ich mich daran hochziehen kann!“ - „Wie bitte? Ich komm grad frisch vom Friseur, ich lass mir doch nicht die Frisur zerstören!“
„Dann schmeiß den Schlüssel runter.“
„Ja klar, und dann fällt der in die Ritze zwischen den Brettern der Zugbrücke! Toll. Und wer holt den dann aus dem Matsch wieder raus? Bleib ruhig, ich komm runter. Gib mir 40 Minuten.“
Dann lief sie halt runter zur Zugbrücke und fragte sich, warum sie nicht einfach den Typen heiraten durfte, der auf der Insel im Bleder See lebt. Schön gemütlich mit dem Ruderboot rüberfahren, das wäre doch das Leben!

Ok, diese Ruderboote fahren immer erst, wenn genügend Leute an Bord sind, aber der eine oder andere Tourist würde sich schon noch einfinden, und dann war man ohne Anstrengung im trauten Heim. Ein Traum von Leben wäre das!
Gegen Feinde verteidigen konnte man sich schließlich auch auf dem flachen Lande oder auf einer Insel. Wenigstens hätte man nicht den Stress, ständig 15% Steigung rauf oder runterzulaufen und sich die Knie zu ruinieren. Selbst ein Lieferservice für die vergessene Butter wäre hier eher hinzulocken, und die übliche „Lieferung nur bis Zugbrücken-Kante" wäre hier besser zu ertragen als dort oben auf dem Berg.
Ich hatte jedenfalls keine Kraft mehr, auch noch auf den Holzumlauf weiter oben zu klettern, um einen Blick in die Gemächer zu wagen. Auch wenn die Balustrade noch so schön mit Blumen verziert war. Wie haben die es damals geschafft, die regelmässig zu gießen? Alle paar Tage zum Brunnen runterlaufen und Wasser holen? Was für ein Stress! Seramis war auch noch nicht erfunden.

Ich nehme stattdessen lieber einen Kaffee im Burghof und verputze eine Bleder Cremeschnitte. Die paar lächerlichen Kalorien laufe ich mir doch bei dem Weg zurück ins Tal locker wieder ab.
Mit Blick auf den wundervollen Bleder See genieße ich ein paar angenehme Minuten und träume weiter, wie es im Mittelalter wohl gewesen sein mag. Ich tauche gedanklich tief ein in diese Zeit, und da sind sie dann, die Angreifer, die sich der Burg bemächtigen wollen. Und ich mittendrin! Aber ich dachte, die Reiseleitung hätte erzählt, die Türken wären im Anmarsch gewesen. Die Hundertschaften, die aber um mich herumlaufen, sehen völlig anders aus. Dunkle Haare, ja, aber so schmale Augen. Und so viele Fotoapparate vor der Brust! Der Burgherr erklärt ihnen alle Details zur Burg. Ist der verrückt? Dann kann er ja gleich auf- und die Burg übergeben. Da erwache ich aus meinen Träumen und erkenne: Japaner sind es, und die Erklärungen kommen von ihrem Reiseleiter.
Ich mache mich auf zur Abfahrt unseres Busses und bin froh über dieses praktische, moderne Gerät, das mich auf meinem weiteren Eroberungsfeldzug morgen an die adriatische Küste nach Portoroz bringt.
Dort hatten sich lange Zeit die K+K-Österreicher niedergelassen. Wenn mir da des nachts im Traum der Kaiser Franz begegnet (nicht der mit dem Fußball), dann geht´s sicher weiter mit der Fantasie über vergangene Zeiten. Ich seh mich schon mit Sissi zusammen Kaffee trinken. Und eine Cremeschnitte essen … natürlich.






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