DIE NORMANDIE - Teil 2
- Gabi Quiatek

- vor 2 Tagen
- 24 Min. Lesezeit
Vom Navigieren auf Französisch und der erschwerten Nahrungssuche zwischen Granville und Etretat
Nach meinem Aufenthalt in Caen geht es für mich zur nächsten Station, Granville, an der Westküste des Cotentin. So bezeichnet man die große normannische Halbinsel am Ärmelkanal. Ob diese nun, wie ich auf einer Internetseite gelesen habe, wie ein Stiefel in den Kanal hineinragt, da scheiden sich die Geister, aber es ist ein interessanter Gedanke, denn immerhin hatten die Normannen schon in sehr frühen Jahrhunderten ihren Schuh, oder Stiefel, in den Ärmelkanal gesteckt mit Blick auf die Eroberung Englands.

Der Charakter des Cotentin ist ein wenig rauer als der anderer normannischer Regionen, bedingt durch seine Position auf dem Armorikanischen Massiv, zu dem auch die Bretagne gehört.
Die Normandie hat so viele schöne Landschaftsabschnitte und - bilder, die alle sehr unterschiedlich sind, und das macht für mich den Reiz dieser französischen Region aus.
Hier im Cotentin liegen einerseits die Strände der Invasionsküste, Omaha Beach und Utah Beach, die im 2. Weltkrieg eine entscheidende Rolle gespielt haben, aber auch etliche Hafenstädte. Cherbourg ist dabei diejenige, die ein strategisches Ziel war, um tonnenweise Nachschub und Waffen zur Befreiung Frankreichs ins Land zu bringen.
Andererseits gibt es hier viele kleinere Häfen, wie Granville und Diélette, von wo aus man sich heute zu den Kanalinseln übersetzen lassen kann, was auch noch zu meinem Plan gehört.
Im Hinterland des Cotentin spricht man von der "Bocage", einer Heckenlandschaft, die die Felder begrenzt und vor Wind und Wetter schützt. Sie ist so dicht und undurchlässig, dass sie im 2. Weltkrieg einen berüchtigt-perfekten Hinterhalt bot.
Dann gibt es das herrliche Pays d´Auge, die Postkartenidylle der Region südlich der mondänen Badeorte Deauville und Trouville im Osten des Landes.

Man braucht doch nur die Namen der Départements (Verwaltungsbezirke) und Ortschaften auf der Zunge zergehen lassen und weiß Bescheid: Calvados, Pont l´Eveque, Camembert, Livarot, und schon ist das Picknick zubereitet, das man dann an einer gemütlichen Stelle unter den Augen der hübschen normannischen Kühe zu sich nimmt. Diese cremeweißen Geschöpfe haben braune Flecken und ihre Augen braun umrandet, als hätten sie eine Brille auf. Wundervoll!
Darüber hinaus ist das Pays d´Auge auch noch ein Traum in Fachwerk, mit etlichen Gutshäusern auf den Höfen, die wie gemalt aussehen.
Die Suisse Normande, südlich der Stadt Caen, bietet.... nun, in der Tat kein Gebirge, wie der Name vermuten lässt, das ist ein wenig übertrieben. Vielmehr ist es eine stark bewaldete und tief zerklüftete Landschaft mit voralpinem Charakter. Der Fluss Orne hat hier Zeit seines Lebens daran gearbeitet, sich tief ins Gestein zu graben und Felswände zu erschaffen, die die Menschen heute rauf und runterklettern.
Das Pays de Caux im Osten am Ärmelkanal zeichnet sich ebenfalls durch steile Felsen aus. Es ist ein Kalksteinplateau mit solchen Kreidefelsen, die der Tourist vielleicht eher mit denen von Dover in Verbindung bringt. Hier jedoch, sind sie zum Beispiel in Etretat so ausgespült, dass sie wie Tore im Wasser stehen, ein einmaliger Anblick.
Das Plateau ist fruchtbares Land und wird für Ackerbau genutzt, und da sind sie dann wieder, die Brillenkühe, deren gute normannische Milch in Form von Butter und Käse auf den nicht nur normannischen Frühstückstisch kommt.

Soweit der kleine Exkurs in die variantenreichen Landschaftsformen der Normandie.
Ich bin unterwegs zur Invasionsküste und möchte meinen weißen Citroen-Leihwagen nach Arromanches lenken, bzw. das Navigationssystem soll das machen, denn ich gebe nur Gas, lenke und achte auf den Verkehr. Und ich bremse natürlich auch dann und wann mal.
Als eigentlich straßenkartenorientierter Mensch entscheide ich mich bei der Mietwagenübernahme, die in Caen beginnt und im Einbahnstraßenchaos von Rouen endet, mir von einer freundlichen weiblichen Stimme auf Französisch die Richtungsanweisungen geben zu lassen. Sicher ist sicher, auch wenn ich mit Navigationssystemen sehr auf Kriegsfuss stehe. Ich biege nämlich immer sofort ab, wenn mir angekündigt wird, dass ich "demnächst" abbiegen soll. Mein Gehirn ist einfach nicht darauf ausgelegt, parallel zum Straßenverkehr und zum Zuhören auch noch kurz auf das Display zu schielen, um wie viele Meter es sich noch handelt, bis ich die Aktion auszuführen habe. So stehe ich auch auf dieser Fahrt wieder sehr häufig vor privaten Häusern, weil ich eben sofort abbiege, wenn man mir das sagt.
"Hier soll das sein?", höre ich mich dann in Selbstgesprächen. Und drehe wieder um, weil ich es natürlich falsch gemacht habe.
Nun könntest Du sagen, höre Dir das doch der Einfachheit halber auf Deutsch an, nimm die Google-Navigation. Aber genau das möchte ich nicht, denn französische Namen müssen französisch ausgesprochen werden, sonst komme ich erst recht nicht klar. Es macht für mich keinen Sinn, darüber nachzudenken, was "Rute della Mangsch" wohl bedeuten könnte. Bis ich verstanden habe, dass damit die "Route de la Manche" gemeint ist, bin ich schon in Paris. Außerdem kann es nicht schaden, mein Französisch dadurch wieder etwas aufzupolieren.
Immerhin bin ich am Ende der Reise wieder wesentlich vertrauter mit den französischen Zahlen, die zumindest im 70er, 80er und 90er Bereich schon echt kompliziert sind. Wer sonst in der Welt kommt auf die Idee, statt 70 von sechzig-zehn zu reden? Schlimmer noch die 80, die zu vier-zwanzig wird, da muss man auch noch gut in Mathe sein.
Die Richtungen, "tout droite" (geradeaus), "à droite" (rechts) und "à gauche" (links) kenne ich natürlich, belustige mich aber immer wieder aufs Neue darüber, wie oft ich "tourner à droite/à gauche" befohlen bekomme, dass ich mir wirklich fast vorkomme, als "turne" ich von rechts nach links und umgekehrt.
Besonders liebevoll ist "Madame la Navigation", wie ich sie ab dem zweiten Tag nenne, wenn sie mich schonend auf etwas vorbereitet. Sie kündigt mir vor dem Abbiegen schon an, dass ich mich darauf vorbereiten soll, in 420 Metern am Kreisverkehr die dritte Ausfahrt zu nehmen und links abzubiegen. Danach kommt die Anweisung "gleich links turnen", gefolgt von "jetzt links turnen".
Zum einen ist allein die krumme Zahl 420 m schon interessant, aber dass ich mich darauf "préparer", also vorbereiten soll, ist sehr aufmerksam. Warum gibt es hier keine runden Zahlen? 310 Meter, 420 Meter, 540 Meter, wie soll ich das denn abschätzen? Aber es ist halt sehr freundlich, und ich nehme es dankbar an, wundere mich allerdings schon beim ersten Kreisverkehr, warum die dritte Ausfahrt bedeuten soll, links abzubiegen. Das ist doch rechts abbiegen!!!
Du meine Güte, hier bin ich aber einer Gewohnheit aufgesessen, die ich schnell abstellen muss. Leihwagen hatte ich bislang immer nur in Großbritannien, und wenn ich mit einem Auto im Ausland unterwegs war, dann war es immer auf der linken Seite. Somit ist also am Kreisverkehr die dritte Ausfahrt bedeutungsgleich mit rechts abbiegen.
Wenn das also mal gut geht....

Mein erstes Etappenziel auf dem Weg nach Granville ist Arromanches, an dem Abschnitt der Invasionsküste, der sich "Gold Beach" nennt. Das war die Stelle, an der die Briten gelandet sind. Man sieht hier noch die Pontons und Betonreste des künstlichen Hafens am Strand stehen und aus dem Wasser ragen. Das sehe ich aber erst dann, nachdem Madame la Navigation mich einmal komplett durch die engen Straßen von Arromanches navigiert hat, rauf auf den Hügel, von wo aus man aufs Meer schauen kann. Diese Stelle kenne ich schon und denke mir, warum hat sie mich nicht gleich hier oben die Küstenstraße entlang gelenkt.
Vom Parkplatz aus kämpfe ich mich durch eine Flut von Wohnmobilen, eine Urlaubsart, die ich auch mal gut fand, aber mittlerweile als zu beklemmend bewerte, und die mich vor allem mittlerweile viel zu oft dem Groll der Einheimischen aussetzen würde, auch wenn ich ganz brav Campingplätze aufsuche, so wie es sich gehört. Es sind auch für meinen Geschmack mittlerweile zu viele auf den kleinen Straßen, und die damals erhoffte Freiheit stellt sich für mich dann doch eher in einem schönen Ferienhaus mit Terrasse ein. Aber jeder so, wie er mag.
Ich stehe also endlich an der Küste und blicke aufs Meer. Unten ein herrlicher weißer Sandstrand, der nicht annähernd so anmutet, als hätte hier jemals Allerschlimmstes passieren können. Das "Cinéma 360°" macht dann allerdings das Gegenteil mehr als deutlich und liefert mir an diesem herrlich sonnigen Tag eine Portion tiefe Trauer.
Für günstige € 6,-, Parkplatz übrigens wie so oft kostenlos, löse ich ein Ticket und warte gespannt in diesem Rundum-Kino auf die Erzählung der "100 Tage der Schlacht um die Normandie".

Die Kamera schwenkt über den feinen Sandstrand von Arromanches, und dann beginnt der Film mit einer Nahaufnahme des Gesichts eines Veteranen, der Tränen in den Augen hat und einige Sätze sagt, die ich nicht mehr wortwörtlich im Kopf habe, die aber davon erzählen, wie rot das Wasser vom Blut war, wie die Kugeln gegen den Stahl der Landungsboote prallten und dass jeder Soldat wusste, wenn die Rampe runtergeht, geht er geradewegs in die Hölle.
Ich bin unmittelbar geschockt und muss schlucken. Auch wenn ich schon einige Filme zu dem Thema gesehen habe, auch wenn man aus Erzählungen zumindest ahnt, wie es damals gewesen sein musste, diese Sätze eines Veteranen über den Weg in die Hölle, das war schon zum Erschaudern.
Und heute sitzt man friedlich am Strand und weiß aber hoffentlich als Tourist noch, was dieser Atlantikwall war, der da in Form eines gigantischen Systems aus tausenden von Festungsanlagen von den Nazis an die Küste gezimmert wurde.
Mit Blick auf das Örtchen Arromanches kommt bei mir ein wenig Hunger auf. Wenn ich nicht eine Reise mit Gruppen habe, dann startet mein Tag mit einem späten Frühstück, und ich mache mich erst am späten Vormittag auf den Weg. Was zur Folge hat, dass ich gerade jetzt im Hochsommer immer genau in der allergrößten Mittagsglut unterwegs bin und vor mich hin jammere, warum ich das denn mache. Mit der für mich selbst erschaffenen Erkenntnis, dass in Zeiten des Klimawandels auch der Spätnachmittag an heißen Sommertagen nicht abkühlt, rehabilitiere ich mich dann wieder selbst.
Essen tue ich grundsätzlich, wenn Hunger aufkommt und nicht, wenn die Uhr auf 13 oder 19 steht. So grummelt mein Magen meist gegen 15 oder 16 Uhr. Als Großbritannien gestählte Reisende muss ich mir dort gar keine Sorgen machen, denn es gibt immer irgendwo irgendwas. Nicht so in Frankreich, zumindest empfinde ich es im Norden sehr extrem.
Ich verschiebe aber die Essenspläne angesichts der engen Straßen in Arromanches noch einmal und steuere einen weiteren Strand der Invasionsküste an: Omaha Beach. In einer Broschüre im Hotel habe ich ein Bild von einem beeindruckenden Monument am Strand gesehen und möchte mir das anschauen.

Dazu ein bisschen mit den nackten Füßen im Sand laufen, aufs Meer schauen und auch was essen. Das ist ein Badeort, da gibt es Lokale.
Ja, die gibt es, und ich bekäme sehr gern einen Kaffee oder ein Kaltgetränk, aber keine Speisen mehr. Auch kein schlichtes Baguette mit Käse? Nein, auch das nicht.
Zwei Lokale erspähe ich allerdings, wo Menschen mit Messer und Gabel hantieren, also nichts wie hin. Die Speisekarte macht mir mehr als deutlich, dass man als Vegetarier (ich), und schon gar nicht als Veganer (die ganz Kargen) zumindest im französischen Norden nicht sehr gut auf seine Kosten kommt. Schon vor Jahren in der Bretagne servierte man mir im Rahmen des Dreigangmenüs für meine Gruppe einen Haufen Käseblöckchen mit Chutney, allerdings, so muss ich zugeben, zu einem sehr hübschen Turm aufgebaut.
Auch hier lobe ich mir die Briten, die Vegetariern und Veganern mittlerweile sowas wie den roten Teppich ausbreiten. Auswahl satt. Es ist irgendwie ein Paradoxon, denn die Klischees in Sachen Essen halten sich hartnäckig, dass man in Großbritannien schlecht isst und in Frankreich wie Gott in.... wo auch immer... lebt.
Ich gehe ein Häuschen weiter, wo die Speisekarte allerdings genauso aussieht. Aber Salat gibt es, so nehme ich Platz im Schatten. Salade chèvre chaud, das ist etwas, das ich in Frankreich wirklich liebe, oder auch ein Salat mit Haricots verts, das sind diese superdünnen langen grünen Bohnen. Gibt es hier aber beide leider nicht. Somit bestelle ich einen Salat mit einer Burrata und bitte, die Tomaten wegzulassen, da ich diese nicht mag und lieber Paprika hätte. Mon Dieu, Madame, das geht natürlich nicht, denn der Salat ist ja bereits fertig vorbereitet. Auch das noch! Meine Vorstellung eines frischen, knackigen Salattellers schwindet dahin, aber ich bestelle trotzdem, weil mein Magen mir das befiehlt.
Während ich mit Blick auf den Strand (wenigstens das) im Salat rumpicke, fällt mir ein Erlebnis ein, das ich vor Jahrem mit einem französischen Hotel hatte, was mir durch meine empörte Reaktion nicht wirklich Sympathien eingetragen hat.
Etwa 8 Monate bevor ich mit der Gruppe dort einchecken sollte, bekam ich eine Email mit der Bitte, schon jetzt ein Menü auszuwählen. Was mir an sich schon nicht besonders zusagt, für 20-30 Menschen aussuchen zu müssen, was sie essen sollen.
Doch ich habe ein Einsehen, dass dies organisatorisch einfach am besten ist. Nur warum soll ich das schon 8 Monate vorher machen? Email-Schriftwechsel hin und her, ich gebe bekannt, dass ich mich dazu im Monat vor der Anreise melden werde. Die Antwort: Nein, das muss jetzt sein. Mein Antwort wiederum enthielt dann die Frage, ob der Koch vielleicht schon 8 Monate vorher plant, alle Zutaten einkauft, das Menü kocht und dann solange einfriert bis wir ankommen?
Ich kann mir vorstellen, dass das gerade bei jemandem aus einem Land, in dem man anscheinend noch von seiner ausschließlich im Gourmetbereich angesiedelten Küche, auf totale Empörung gestoßen sein muss.
Aber manchmal kann ich nicht anders, wenn mir etwas total unsinnig erscheint.
Wir waren schließlich in diesem Hotel, und es war alles prima. Ich will hier nicht den Anschein erwecken, die französische Küche zu degradieren, aber ich finde sie schon sehr speziell.
Nach einem abschließenden Café Gourmand, eine wunderbare französische Erfindung, bei dem sich niedliche kleine Dessertstückchen links und rechts vom Kaffee auf einem länglichen Tellerchen in Szene setzen, mache ich eine Wanderung am Strand. Das Wasser ist badewannenwarm, die kleinen Wellen umspielen meine Füße, ich binde mein langes Kleid ganz hoch, um noch möglichst viel Wasser und Sonne an meine einem Kalkeimer gleichenden Beine zu lassen.

Was für ein herrlicher Tag! Ich habe keinen Hunger mehr, genieße Freizeit und vergesse, dass ich noch weitere 105 Kilometer bis Granville zurücklegen muss, und es ist mittlerweile schon 17 Uhr.
Somit entfällt der Schlenker entlang der gesamten Cotentin-Küste, denn ich muss nun wirklich mal Gas geben. Isigny-sur-Mer, das gar nicht oder nicht mehr direkt am Meer liegt, muss ausfallen, obwohl mich die Molkerei mit herrlichen Käsesorten und der weltbesten Butter sehr interessiert hätte, sowie auch die Produktion der Karamellbonbons. Sehr gern hätte ich auch das Rathaus besucht, in dem sich tausende von Disney-Exponaten angesammelt haben. Du fragst dich jetzt bestimmt, warum ein französisches Rathaus solch eine Sammlung hat. Nun, die Vorfahren von Walt Disney stammen aus diesem Ort und hatten ursprünglich den Nachnamen "D´Isigny". Jetzt wird ein Schuh draus, nicht wahr?
In Granville angekommen, beziehe ich mein Zimmer im Thalassohotel&SPA und bin davon sehr begeistert. Ein schönes, helles Zimmer mit einer kleinen Terrasse. Es ist nur extrem warm darin, um nicht zu sagen, unerträglich heiß. Man hat mir einen Ventilator zur Verfügung gestellt, ganz freiwillig schon. Es versetzt mich allerdings ein wenig in Staunen, dass ein 4-Sterne-Hotel in einem solchen Badeort nicht über eine Klimaanlage in den Zimmern verfügt. Ich sehe ein, dass das im Norden Frankreichs vielleicht nicht so notwendig ist wie in der Provence, war aber bislang von normannischen Sommern immer sehr angenehm überrascht und hatte wahrscheinlich ständig Glück.
In der Regel machen aber die Normannen über ihr Wetter dieselben Scherze wie die Briten, denn es ist halt ständig durchwachsen und oft auch regenreich. So findet man auf T-Shirts immer wieder das Motiv von normannischen Kühen, die mit Gummistiefeln und Regenschirm auf der Weide stehen. Dass nun diese Kühe ob des Klimawandels die Regen- gegen Sonnenschirme und die Gummistiefel gegen Flip-Flops austauschen sollten, das überlasse ich der T-Shirt-Industrie.
Ich werde also in diesem Zimmer-Backofen überleben müssen. Überflüssig zu erwähnen, dass ein Ventilator, so groß er auch ist und so toll er auch in einem wärmegeprüften Italien hergestellt wurde, nichts, aber auch rein gar nichts bei 40 Grad Außentemperatur bringt.
Da ich mich dennoch hier sehr wohl fühle, könnte ich einem leichten Hungergefühl nochmal nachgeben, aber die Hotelküche hat schon geschlossen. Ob es noch ein Baguette gibt oder einen schnellen Salat, wird mit einem "non" und einem nicht wirklich ehrlich klingenden "je regrette" (ich bedauere) beantwortet.
Was habe ich auch erwartet? Dann werden es halt zwei Gläser Weißwein, das muss jetzt mal als Abendessen reichen. Es reicht zumindest für die nötige Bettschwere und einen Kopf, der nicht mehr darüber nachdenken kann, ob der Magen Hunger hat oder nicht.

Am nächsten Morgen, bei grandios blauem Himmel nehme ich mir einen Spaziergang nach Granville-Zentrum und auf dem Weg zum Haus von Christian Dior vor. Der wurde im Jahre 1905 hier geboren. Dass er schon 5 Jahre vor meiner Geburt gestorben war, ist mir gar nicht so bewusst, ich hätte ihn eigentlich noch in meiner Jugendzeit als Modedesigner veortet.
Wieder gegen Mittag laufe ich die Strandpromenade von Donville, so heißt der Nachbarort von Granville, wo ich untergebracht bin, etwa 3 Kilometer bis zum Christian, wo sich, oh Wunder, eine recht lange Schlange vor dem Eingang des Wohnhauses gebildet hat. Ich reihe mich ein und verkneife mir den Gedanken, warum ich ständig meinen Reisegästen sage, sie sollen vorab buchen, um nicht enttäuscht zu werden oder gar Schlange stehen zu müssen, es selbst aber so gut wie nie tue.
So lang ist die Schlange nun auch wieder nicht, das geht sicher ruck zuck. In dem Moment allerdings, wo ich ein Schild mit dem Hinweis "Ab hier ca. 1,5 Stunden Wartezeit" erblicke, wird Christian Diors Haus für mich schlagartig uninteressant.
Was machen die Leute denn so lange da drin, dass eine überschaubare Schlange tatsächlich 1,5 Stunden noch in der Sonne brutzeln muss? Probieren die jedes Designerstück einzeln an, oder was?
Schirme hat man ihnen freundlicherweise zur Verfügung gestellt, sicherheitshalber in blassem grau, ein wenig angeranzt und alles andere als ein Dior-Design, aber sie sollen ja auch nicht heimlich den Besitzer wechseln.
Diors Haus ist von einem bezaubernden Garten umgeben, in dem zugegebenermaßen bei diesem extrem heißen und regenlosen Sommer die Pflanzen auch ein wenig die Köpfe hängen lassen, aber die Lage ist sensationell, oberhalb des Meeres mit herrlicher Aussicht bis zu den Iles Chausey am Rande der Bucht des Mont Saint Michel.

Ich könnte einen Kaffee und ein Wasser trinken, denn es gibt ein kleines Gartencafé. Ob ich reserviert hätte, werde ich gefragt. Natürlich nicht, ich bin ganz spontan. Das kostet mich einen normalen Platz auf einem Stuhl an einem Tisch, aber ich bekomme einen Liegestuhl zugewiesen, das ist auch nicht schlecht. Echtes Urlaubs-Feeling über dem Meer. Die Robe von Christian Dior, die ich mir in Gedanken zum Mitnehmen für heute Abend zurechtfantasiert habe, bekomme ich nun halt nicht, ist auch egal.
Aber für was hätte ich sie auch nutzen sollen? Für Restaurants, die eh schon wieder oder noch geschlossen sind, wenn ich Hunger bekomme?
So wandere ich weiter ins Zentrum von Granville und bin schwer begeistert, wie schön diese Stadt ist. Das "Monaco des Nordens" nennt sie sich selbst. Nun denn, da habe ich meine Schwierigkeiten, diesem Vergleich zu folgen, aber es ist ein tolles Flair zwischen schönen Geschäften und dem Meer. Und viele Lokalitäten, das wird ein Fest heute Abend!
Als ich an einem Geschäft vorbeikomme, wo für eine Bootsfahrt durch die Bucht des Mont Saint Michel geworben wird, buche ich spontan ein Ticket und habe noch eine halbe Stunde Zeit, zum Gare Maritime zu laufen, um das Schiff zu erreichen. Das ist nicht mehr genügend Zeit für einen Imbiss, also sofort los. Auf dem Schiff werde ich mir was zu trinken und einen Snack kaufen.
Auf dem Boot angekommen, abgelegt und auf dem schönen offenen Meer ist mein erster Weg zu einer Art Theke, wo ich munter ein Wasser bestelle. Haben sie nicht. Snacks auch nicht. Ob es vielleicht ein paar profane, schlichte Kartoffelchipse gibt? Die gibt es doch sonst auf jedem noch so kleinen Kutter. Nein, gibt es nicht.
Ich muss zugeben, dass meine Laune ein wenig sinkt, aber die schöne Bootstour entlang der Küste und bis dann der berühmte Klosterberg in Sicht kommt, entschädigt mich für alle Leiden, auch jenes, dass ich im Außenbereich nur einen Stehplatz bekomme. Leicht neugierig schiele ich auf eine Familie mit 3 Jugendlichen und überlege mir, ob es heute noch Usus ist, dass man für Ältere aufsteht und den Platz anbietet. Grundsätzlich bin ich ja nicht alt, wenn auch für meinen Geburtsjahrgang bei Internetformularen schon sehr weit in die Vergangenheit gescrollt werden muss.
Dass mir kein Jugendlicher seinen Platz anbietet, rede ich mir dann damit selbst schön, dass ich natürlich noch wahnsinnig jugendlich aussehe. Man wird ja wohl nochmal träumen dürfen...

Nach der Rückkunft in Granville werde ich aber fürstlich speisen. Ein paar Lokalitäten hatte ich mir im Galopp Richtung Hafen schon ausgeguckt. Um 17:30 Uhr legt das Schiff wieder an, um 19 Uhr öffnen die ersten Lokale . Ich habe aber JETZT UND HIER Hunger. Punkt. Ein wenig bockig beschließe ich, dann auch wieder zurück zum Hotel zu gehen, bzw. zu fahren, denn es ist immer noch zu heiß für 3 Kilometer zu Fuß zurück.
An der Bushaltestelle steht eine Schlange aufgereiht, zu der ich mich geselle. Da man heutzutage seine Fahrkarten fast überall per Kreditkarte oder Handy lösen kann, mache ich mir keine Gedanken, wie ich an ein Ticket komme und warte auf den Bus.
Dem Fahrer halte ich schließlich mein Handy vor die Nase bzw. möchte wissen, an welchen Automaten ich es für meine Fahrkarte halten muss, aber die Fahrt ist gratis.
Das ist ja kaum zu glauben, aber das französische Wort "gratuit" ist eindeutig und nicht misszuverstehen. Google verrät mir später, dass im gesamten Raum um Granville das Busfahren kostenfrei für alle ist, damit sie ihr Auto stehen lassen.
Da ich bereits die Speisekarte meines Hotels studiert habe und dort an Vegetarischem einzig und allein "Gemüse je nach Saison" gesehen habe, kehre ich in der Pizzeria nebenan ein. Italienisch will ich zwar nicht unbedingt in Frankreich essen, aber hier gibt es vegetarische Auswahl und vor allem: Hier ist die Küche geöffnet. Italiener haben gefühlt immer offen, denke ich, nicht ahnend, dass es mir beim Versuch ein paar Tage später komplett anders ergeht, denn "französische Italiener" haben auch nicht die ganze Zeit die Küche geöffnet. Ich bin heute nur zufällig zur passenden Zeit am passenden Ort.
Glückselig für heute parke ich mich auf meinem Bett unter dem Badehandtuch und verabschiede diesen Tag als einen gelungenen, mal abgesehen vom Essensthema. Unter dem Bettzeug zu liegen, mit dem das Hotel die Zimmer ausgestattet hat, überfordert mich völlig, denn es ist wie eine dicke Winterbettwäsche. Und das muss man erstmal begreifen, wo es in Frankreich noch so viele Unterkünfte gibt, die mit diesen dünnen Bettlaken operieren, die im Sommer schön sind, aber eben genauso im Winter auf dem Bett liegen und dich schön schockgefrieren lassen, wenn nicht noch eine Decke im Schrank ist.

Diesen Teil 2 meines Normandie-Berichtes möchte ich Monika widmen (sie wird sich schon angesprochen fühlen), die mich schon freundlich-energisch gefragt hat, wann denn endlich Teil 2 erscheinen wird. Da ich so ganz nebenbei auch noch Reisen ausarbeiten und verkaufen muss, sowie mich buchhalterisch durch den immer aufwändiger statt einfacher werdenden Bürokratiedschungel Deutschlands und der EU quälen muss, dauert es halt immer, bis mir Zeit zum entspannten Schreiben bleibt.
Aber so habe ich mich nun entschlossen, diesen Teil länger werden zu lassen, um einen Teil 3 und die damit sicher wieder verbundene "Mahnung", wann der denn endlich fertig ist, zu vermeiden.
Es geht also munter weiter mit der Reise, und die führt mich in die Bucht vom Mont Saint Michel, dieses Mal auf dem Landwege.
Ganz früh aufstehen, das hatte ich mir schon zu Hause fest vorgenommen für den Tag, an dem ich den Sonnenaufgang über dem Klosterberg Mont Saint Michel erleben wollte.
Um 5 Uhr geht der Wecker, ich will sofort los und mich gar nicht lange mit Duschen und Stylen aufhalten. Letzteres dauert mit fortschreitendem Alter sowieso viel zu lange, also fällt es heute mal komplett weg. Den Schafen auf den Salzwiesen am Mont Saint Michel sollte es egal sein, wie ich daher komme.
Ein Stündchen bin ich unterwegs bis zu der Stelle, die ich mir ausgeguckt habe, um dann über die noch trockenen Salzwiesen Richtung Klosterberg zu wandern.

Überflüssig zu erwähnen, dass jeder Tag meiner Reise blauen Himmel hatte, nur der heutige für den ultimativen Sonnenaufgang nicht.
Beim winzigen Örtchen La Rive ist an jedem Straßenrand Parkverbot und auch im Ort selbst sind überall Markierungen, dass Parken nicht erlaubt ist. Das ist auch völlig verständlich, denn schon bei der Ankunft kapiere ich, dass diese Stelle heißt begehrt ist, um Fotos zu machen. Wie konnte ich, zudem noch als erfahrene Touristikerin, so naiv sein zu glauben, dass ich möglicherweise fast allein diese Idee habe? Eigentlich wollte ich noch nicht einmal hier den Namen des Örtchens aufschreiben, aber den kennt sowieso schon jeder wilde Instagrammer, wie mir immer klarer wird. Ich dachte einfach, ich wähle mal eine komplett andere Stelle, denn auf dem Klosterberg war ich schon mehrfach im Rahmen meiner Gruppenreisen, da muss ich nicht nochmal rauf. Ist ohnehin immer viel zu überlaufen.
Ein kleines Hotel mit großem Parkplatz ist das Objekt meiner Begierde und auch aller anderen, wobei ich sagen kann, dass wirklich so früh am Morgen mit mir nur 3 andere Personen den Weg auf die Salzwiesen machen. Dennoch verpflichte ich mich, auf dem Parkplatz, der als "für Hotelgäste" ausgewiesen ist, nicht einfach nur dreist mein Auto abzustellen, sondern mir dort dann wenigstens auch ein Frühstück zu buchen.
Für € 9,50 genieße ich ein tolles Frühstücksbuffet mit sehr leckerem Baguette und Croissants, so wie sie nur die Franzosen zaubern können (aber übrigens auch die Briten... kleiner Wink mit dem Zaunpfahl). Un petit café dazu, Apfelsaft, natürlich, denn das ist Pflicht in der Normandie, und Käse. Sensationell leckerer Käse.
Dann geht es ab auf die Wies´n zu den Schafen, die auch mit dem Schlag der Kirchenglocken am Mont Saint Michel aus ihrem Gehege gelassen werden und mit großer Mäh-Mäh-Diskussion wie eine Pilgergruppe Richtung Meer laufen, wo sie den ganzen Tag über fressen dürfen was das Zeug hält, um dann letztlich als leckeres "Agneau de pré-salé" (Salzwiesenlamm) auf dem Teller zu enden, was mein vegetarisches Herz leiden lässt. Ich möchte sie alle retten.

Wenn das Meer dann zum Abend hin die Salzwiesen wieder überschwemmt und den Klosterberg zur Insel werden lässt dann laufen die Schafe mit dem ersten Glockengeläut der Klosterkirche wie ferngesteuert wieder zurück zum Gehege. Ich bin am Abend nochmal dorthin zurückgekehrt, habe keinen Schäfer und auch keinen Hütehund gesehen. Man sagt im Allgemeinen, Schafe sind dumm, aber auf die Glocken sind sie definitiv konditioniert worden, so dass sich sowohl der Schäfer als auch der Hütehund einen entspannten Abend machen können. Es läuft ja alles von allein.
Von allein läuft auch die Flut ein, und da exakt für heute ein Springflut angekündigt ist, was ich auch eher zufällig in Erfahrung bringen konnte, jeder Instagrammer aber natürlich schon Monate vorher wusste, mache ich mich auf zu einem Aussichtspunkt auf der östlichen Seite des Klosterberges. Pointe du Grouin du Sud heißt das, wo man auf einer Wiese oberhalb von Felsen stehen und die wahrhaft rasant schnell einlaufende Flut gut beobachten kann.
Als ich ankomme, stehen schon zahlreiche Autos am Straßenrand, und da die das machen, reihe ich mich einfach auch dort ein. Es gibt auch weit und breit keinen ausgewiesenen Parkplatz. Menschen mit Picknickkörben sitzen dort schon, die Flasche Wein im Anschlag, tobende Kinder und Bällchen fangende Hunde im Schlepptau.
Die haben also alle für ihr Essen vorgesorgt. Ich natürlich nicht. Auch wenn der Mont Saint Michel zu den touristischen Hotspots gehört, habe ich den heutigen Tag abseits davon doch in relativer Ruhe und Einsamkeit verbracht. Einsamkeit, damit will ich auch sagen, dass es in meinem Umfeld auch kein Lokal und keinen Supermarkt in unmittelbarer Nähe gibt, es sei denn, ich hätte mich mit einer der zahlreich vertretenen Keks-Outlets direkt am Klosterberg zufrieden gegeben.
Ich war also nicht in der Lage, mir etwas Essbares zu organisieren.
So stehe ich nun an der Küste und harre der Dinge. Laut Google ist schon längst die Zeit gekommen, wo die Flut über uns hereinbrechen müsste, aber die Natur lässt sich halt auch nicht von irgendwelchen Regeln und Uhrzeiten lenken. Die Flut kommt, wenn sie denkt. Und sie denkt das, als sich schon viele Menschen wieder auf den Heimweg gemacht haben.
Das Schauspiel, das da naht, ist einmalig schön. Niemals hätte ich gedacht, dass Prile sich wirklich so rasant füllen, dass man sich, wenn man dort zu der Zeit noch im Watt watet, wirklich nicht mehr in Sicherheit bringen kann.
So stehen einige von uns auch auf den Felsen ziemlich nah am herannahenden Wasser und suchen schnellst möglich das Weite als es heikel wird. Auch ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Alter nochmal unebene, krumme Felsbrocken in einem Affenzahn hochklettern kann. Aber durch das Nichtaufstehen der Jugendlichen auf dem Schiff, so erinnere ich mich jetzt, weiß ich ja, ich bin noch jugendlich genug. Also schaffe ich auch diesen blöden Felsen. Schließlich bin ich ihn ja vorher auch runtergeklettert.

Die Sonne geht unter, und jetzt ist auch wieder der Himmel klar. Ich mache mich auf den Heimweg, wollte eigentlich noch in der Kirche von Avranches das Loch im Schädel des Bischofs anschauen, aber das ist heute nicht mehr zu schaffen. Die Legende besagt, dass der Erzengel Michael den Bischof von Avranches aufgefordert hatte, ein Kloster zu gründen. Da dieser nicht reagierte, tippte ihm der Erzengel schließlich so fest auf den Kopf, dass ein Loch im Schädel zurück blieb.
Diese Reliquie muss man sich doch als Legendenliebhaber angesehen haben. Leider muss ich diese Erfahrung schuldig bleiben.
Stattdessen mache ich mich auf dem Rückweg auf die Suche nach einem Supermarkt, um Getränke und einen Snack zu kaufen als Abenbrot. Riesige Supermärkte wie Carrefour, Auchan oder Géant stehen gewöhnlich auf der grünen Wiese außerhalb größerer Orte und haben ausgiebige Öffnungszeiten. Aber leider eben nicht unbegrenzt, wie ich schmerzvoll erfahren muss.
Somit bleibt mir das Restaurant des Hotels, dessen Küche in den letzten Öffnungszeitenzügen liegt als ich ankomme (die Pizzeria hat schon wieder zu). Die Assiette Végétarienne, Gemüse der Saison, muss also herhalten. Es kommt auch ein sehr schön dekorierter Teller mit eingelegten Paprika, Pilzen, Artischocken und ganz vielen Zwiebeln. Das mag ich alles gern, bin aber froh, dass niemand mit mir mein Zimmer teilt.
Ob ich noch ein Stück Baguette dazu bekommen könnte? Da muss der Kellner erst fragen. Du meine Güte, wir sind in Frankreich, in dem Land, in dem gefühlt Tag und Nacht Baguette gebacken wird, jeder Franzose läuft ständig mit einem Baguette unter dem Arm durch die Gegend, und er muss erst fragen, ob eines vorrätig ist? Ist es nicht. Stattdessen bekomme ich ein Brötchen, das eindeutig vom Frühstück übrig geblieben ist. Egal, mit einem schönen Glas Weißwein dazu, wird es essbar. Ganz allmählich schleicht sich der Gedanke in mein Gehirn, dass ich das bisschen, was ich hier zu essen ergattere, einfach grundsätzlich durch Weißwein ersetzen sollte.

Ich kann mir vorstellen, dass Du als Leser mittlerweile vielleicht denkst, ich meckere nur an Frankreichs Essen herum. Nein, das tue ich nicht, ich gebe nur die Fakten aus meinen Erfahrungen weiter. Ich liebe dieses Land, würde immer wieder hinfahren und all diese Sonderbarkeiten (sagt man das so?) immer wieder hinnehmen. Es ist hier einfach schön. Und ich bemängele nicht, ich stelle einfach nur touristisch betrachtet Dinge fest.
Der letzte Teil meiner Reise (der Besuch der Insel Sark muss ein separater Bericht werden) führt mich durch die normannische Schweiz und das Pays d´Auge nach Rouen, in die unangefochtene Hauptstadt der Normandie. Ein touristisches Schwergewicht, von dem ich mittlerweile überzeugt bin, es einmal als Städtereise inklusive dem schönen Seinetal als Gruppenreise anbieten zu müssen. Vielleicht in Form einer Flusskreuzfahrt mit einem "petit" Verlängerungsaufenthalt eben in diesem Highlight der Historie.

Madame la Navigation führt mich - relativ - souverän bis zum Hotel. Das Best Western Littéraire Gustave Flaubert habe ich mir ausgesucht, mitten im historischen Zentrum, ohne mir Gedanken zu machen, wie ich da überhaupt durch die Gassen komme. Aber das Hotel hat einen Parkplatz, also ist doch schonmal das Wichtigste gerettet.
Nur ankommen muss ich erstmal. Zu Fuß kenne ich Rouen sehr gut, aber mit dem Auto durch eine Einbahnstraßenhölle, das ist nochmal eine ganz andere Nummer.
Schließlich stehe ich vor einem Pöller, der Nicht-Befugte von der Einfahrt ins historische Zentrum abblockt. Was nun, lieber Leser? Wie durch ein Wunder ist direkt an der Straße ein Stück Parkbucht frei, in die ich ersmtal einschere und von dort aus zu Fuß zum Hotel laufe, um mich über das weitere Vorgehen zu informieren.
Ich bekomme schließlich vom Rezeptionisten den Zugangscode, und er verspricht mir, dass der Pöller dann wirklich im Erdboden verschwindet. Ich tippe den Code ein, die Ampel zeigt Gelb, und ich warte natürlich auf Grün. Ich sehe nicht, ob der Pöller sich schon bei Gelb verflüchtigt, denn so weit kann ich nicht über die Motorhaube gucken. Also steige ich aus, nur um zu sehen, dass sich in diesem Moment der Pöller vor mir wieder nach oben schraubt. Also muss ich es wagen. Code rein, Ampel auf Gelb, losfahren in der Hoffnung, nicht am Pöller abzuprallen. Es funktioniert, ich bin erleichtert und parke den Wagen in der Hotelgarage.
Im Haus selbst erschlägt mich förmlich die Präsenz von Gustave Flaubert, dem großen Dichter, in Form von Büchern, Bildern, Postern, Büsten und Sammlerstücken. Flaubert wurde in Rouen geboren, so erinnere ich mich auch gerade wieder. Durch den Französischunterricht in der Schule und das spätere Studium wurde ich zwangsläufig mit dem Dichterfürsten konfrontiert, bzw. mit seinen Werken, mit denen ich leider auch heute noch nicht viel anfangen kann. Obwohl ich zugeben muss, dass der Roman Madame Bovary schon eine gewisse pikante Würze beinhaltet. Gelangweilte Landarztfrau träumt vom glamourösen Luxusleben, beginnt Affairen, macht ihren Liebhabern teure Geschänke, gerät dadurch in Schulden und vergiftet sich schließlich. Ebenso pikant ist die Tatsache, dass das Buch besonders berühmt wurde, nachdem es wegen Unmoral und schonungslosem Aufzeigen von Ehebruch verurteilt wurde.

Mein Zimmer trägt den Namen La Reine de Sabah, ebenfalls ein Werk von Flaubert. Ich habe keine Ahnung, worum es darin geht, schlafe aber bestens in diesem königlich angehauchten Gemach.
Und man stelle sich vor, es gibt jede Menge Essen in Rouen. Der Marktplatz, Vieux Marché, wo auch die Kirche der Heiligen Jeanne d´Arc steht und die Stelle markiert ist, an der man sie einst verbrannt hat, ist voller Leben und Lokalitäten. Der Rezeptionist empfiehlt mir ein vegetarisches Lokal, ich bin hoch erfreut, aber es hat geschlossen. In einem Bistrot lasse ich mich dann nochmal auf Pommes ein, die auch nicht die Krönung sind, und leckere Mozzarellasticks. Und Weißwein, natürlich.
Bei Einbruch der Dunkelheit geht es dann quasi als Pflichtprogramm noch zur Kathedrale, die an den späten Sommerabenden mit einem Licht- und Tonschauspiel angestrahlt wird. Das ist ein Erlebnis der besonderen Art, das sollte man gesehen haben. Noch dazu ist es gratis. Über eine Stunde hocke ich mit hunderten von Menschen auf den warmen Stufen am Kathedralplatz und komme aus dem Staunen nicht heraus.
Glückselig kehre ich zu meiner Königin von Sabah zurück, falle in die Kissen und sofort in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Mein letzter Reisetag führt mich dann durch das Seinetal zur Küste nach Etretat. Eigentlich soll der Weg dorthin mir nur einen Eindruck vermitteln, doch die Schleifen, die die Seine macht, sind reichhaltig und die kleinen Ortschaften sehr sehenswert, auch wenn ich schon wieder zur Mittagszeit unterwegs bin und somit die Orte menschenleer sind. Das ist ohnehin ein Phänomen in Frankreich, das auch meine Reisegäste immer wieder verwundert. Natürlich muss man seine Mittagspause nicht vor der Haustür am Straßenrand verbringen, und man muss auch nicht die Geschäfte stürmen (sie haben eh geschlossen), aber es ist wirklich so gar niemand unterwegs. Menschenleer, wie ausgerottet, stehen die meisten Orte wie Kulissen da, vor denen vielleicht irgendwann mal was passieren könnte.
Die Häuser im Seinetal sind alle schön, alle wie Postkartenmotive. Ein bisschen Fachwerk, ein bisschen Reetdach, viele davon mit einem herrschaftlichen Erscheinungsbild. Es ist ein Traum!

Ich folge dem Straßenverlauf immer den Schleifen der Seine entlang und verbringe damit unendlich viel Zeit. Hier und da muss ich über den Fluß per Autofähre übersetzen, was auch gratis ist. Es ist wie ein Teil der Straße, für den man den sie Befahrenden ja kein Geld abknöpfen kann. Das passiert dann allerdings auf den Autobahnen, die in privater Hand sind, sehr gut gepflegt, mit ordentlichen Rastanlagen, wofür ich dann gern eine Maut bezahle.
Sehr spät komme ich also an meinem Ziel Etretat an, was kein Problem ist, denn es ist noch lange hell und zumindest dann nicht mehr lange hin, bis die Restaurantküchen wieder öffnen. Der Ort ist einer der berühmtesten Badeorte an der Alabasterküste.
Lasse Dir mal diesen Namen auf der Zunge zergehen. Hier stehen sie, die Kalksteinfelsen, die ausgehöhlten Kreideformationen, weiß und gleissend in der Sonne schimmernd. Sie rahmen einen begehrten Kieselstrand ein, an dem sich zu später Stunde noch sehr viele Menschen tummeln. Deswegen bekomme ich selbst zu solch später Stunde keinen Parkplatz hier.
Plötzlich sehe ich ein Hinweisschild auf das Dormy House, ein Hotel, das ich zunächst sogar auf meinem Wunschzettel, aber aufgrund des hohen Preises wieder verworfen hatte.
Es kommt bei mir dann irgendwann der Moment, wenn ich so viel gefahren bin, keinen Parkplatz finde und damit nicht an mein Wunschziel gelange, dass mir fast alles egal wird, und so beschließe ich, in diesem teuren Etablissement zu Abend zu essen. Egal, ob ich damit den ganzen Laden kaufe. Ich will da hin, dort kann man parken und hat eine Aussicht über den Strand und die Felsen zum Niederknien.

Bei einem Aperitif in Form eines alkohlfreien Gin Tonic, ich muss schließlich noch fahren, möchte ich hier gar nicht mehr weg, so schön ist es. In der Brasserie des Hotels finde ich dann eine Karte mit vegetarischen Optionen und bin begeistert. Obwohl ich schon befürchte, dass man auch hier die Tomaten in dem Gericht, das ich ins Auge gefasst habe, nicht gegen etwas anderes austauschen kann, werde ich postiv überrascht, dass der Koch das alles ohne Probleme realisieren kann.
Ich bekomme als Vorspeise leckere grüne Bohnen mit einer Burrata, die wie kleine Schaumwölkchen auf dem Teller über dem Gemüse schwebt, dazu eine Sauce aus Ich-weiß-nicht-was, aber super lecker. Das ohne Nachfrage gereichte Brot ist zum Verrücktwerden lecker, und ich bin mehr als glücklich, mich hierfür entschieden zu haben.
Ich weiß jetzt schon, dass ich hier so lange Getränke und Espresso bestellen werde, bis ich den Sonnenuntergang über der Alabasterküste genossen habe, und zwar bis der gelbe Ball komplett ins Meer geplumpst ist. Meine Rückkunft in Rouen wird im Dunkeln sein, aber was macht das schon?
Gustave Flaubert wartet im Hotel auf mich, egal wie spät es ist, ich nehme einen Absacker an der Hotelbar und habe mein letztes Rendez-vous mit der Königin von Sabah, bevor ich am nächsten Morgen die Heimreise antrete.
Dass diese mit dem Zug, zumindest auf deutscher Seite, dann wieder in einer Verspätungskatastrophe enden könnte, daran möchte ich an diesem letzten normannischen Abend nicht denken.
Es wird in der Tat das übliche Bahn-Desaster, dem ich aber definitiv in diesem Blogpost keine Aufmerksamkeit widmen, sondern die Erinnerung an eine wahrhaft abwechslungsreiche Reise bewahren möchte, die ich auch Dir gern ans Herz lege.
Du weißt ja, wir von den Reiseverführern gestalten das für Dich.






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