ERINNERUNGEN: 4 WOCHEN BRASILIEN IN DEN 1980-ern
Der Kampf mit Flugangst und Hitze*

In einem Alter, in dem man bereits 2/3 seines Lebens hinter sich gebracht hat, kommt es immer häufiger vor, dass man in Erinnerungen schwelgt. Erinnerungen an die sogenannte „gute alte Zeit“. Für mich sind das auch die Erinnerungen an viele schöne Reisen und an die Zeiten, als Flüge und Hotels so lange dasselbe kosteten bis sie ausgebucht waren.
Heute wird ein Hotelbett innerhalb von ein paar Stunden teurer, aber dabei gleichzeitig nicht schöner oder größer. Der Sitz im Flieger wird nicht breiter, die Beinfreiheit nicht komfortabler, nur weil abends der Flugpreis um € 80,- teurer ist als morgens.
Wäre ja auch blöd, dann müsste die Airline gleich wieder umbauen, wenn sie 10 Minuten später den Flug wieder billiger anpreist, oder weil gerade Black Friday, Travel Tuesday oder sonst ein neu ins Leben gerufener Feiertag ist.
In der guten alten Zeit also buchte mein Mann eine Reise nach Brasilien. Ich war bereits in den 80er ein erstes Mal verheiratet, mit jemandem ohne Flugangst, aber sonst im Prinzip selbes Modell Mann wie aktuell, auch Reisebusfahrer aus Leidenschaft.
Ich allerdings hatte damals Flugangst und war mir absolut sicher, dass genau der Flieger, in dem ich reisen würde, abstürzt oder entführt wird.
Und dann bucht der Gute einfach mal eine Flugreise. Damit es auch gleich richtig rund geht, wird es eine 4-wöchige Flugrundreise durch Brasilien. Dort kommt man aufgrund der enormen Größe des Landes eher weniger mit dem Bus voran, sondern fliegt, sonst ist schon eine Woche Urlaub rum, wenn man es gerade mal von Rio de Janeiro zum Amazonas geschafft hat.

Wir stehen am Flughafen von Düsseldorf und checken bei LTU ein. Kennst Du noch diese magischen drei Buchstaben? Die Ruhrgebiets-Airline schlechthin. Hier war sie zu Hause, sie gehörte uns, den Westfalen…. quasi.
Mit ihr öffnete sich die große, weite Welt. Es gab gefühlt nichts, wo LTU nicht hinflog.
In meinem späteren Leben als Touristikerin war es sogar so, dass Kunden leichte Panikattacken an meinem Schreibtisch erlitten, wenn man ihnen sagte, ihr Flug ginge nicht mit LTU.
Von meiner Mutter und meinem Bruder begleitet stehe ich also am Flughafen und nutze ab jetzt die erzählerische Gegenwart, um das Erlebnis noch einmal direkt ins Heute heraufzubeschwören.
Wir reden, man versucht, mich von dem Gedanken abzulenken, dass diese die letzten glücklichen Stunden meines Lebens sein werden. Man verspricht mir, dass das Fliegen super ist. Da bin ich beruhigt, denn sowohl meine Mutter als auch mein Bruder sind bis dato selbst noch nicht geflogen.
Als man mich ruhig und gelassen wähnt, verabschieden wir uns, und mit dem Blick auf die Rückseite der beiden, verwandeln sich meine Augen in eine Schleusenanlage. Ich heule wie ein Schlosshund. Das war’s jetzt. Adieu, du schnöde Welt.
Der legendäre LTU-Tristar fliegt nach Recife mit Zwischenlandung in München, wo noch ein paar Bayern eingesammelt werden. Mein Mann hat mir extra einen Platz am Fenster gebucht, damit ich alles schön sehen kann. Das ist für mich die schlechteste Idee, die er jemals hatte!
Es ist tiefster Winter, wir fliegen im Dezember über Weihnachten und Silvester.
Das ist die einzige Zeit des Jahres, in der ein Reisebusfahrer nichts zu tun hat und wir wochenlang Urlaub machen können. Mir als Studentin war es damals egal, denn, rückblickend betrachtet, hatte ich damals eigentlich fast immer Urlaub. Mein Studium plätscherte so dahin.
In München muss das Flugzeug enteist werden, was für mich ein faszinierender Anblick ist. Eine Maschine streift über die Flügel und pustet sie warm. Komischerweise habe ich gerade gar keine Panik davor, dass die Tragflächen in tausenden von Höhenmetern wieder einfrieren und sich nicht mehr bewegen könnten.
Die Faszination wird noch größer als wir in München wieder starten und am Abend über die schneebedeckten Alpen fliegen, die für mich gerade ein Alpenglühen zaubern.
Meine Flugangst ist schlagartig weg. Mir einen Platz am Fenster zu buchen, war die beste Idee, die mein Mann jemals hatte!
Lediglich, als der Pilot uns ankündigt, dass er uns jetzt unter uns nicht mehr viele Städte zeigen kann, weil wir über das Meer fliegen, zucke ich ein wenig zusammen, gebe mich aber relativ gelassen meinem Schicksal hin, denn ich begreife, dass es egal ist, ob wir über Land oder über dem Meer abstürzen.
Nach gut 12 Stunden landen wir sicher im brasilianischen Recife an der Ostküste des Landes. Die Zeit verging wie im Flug, denn ständig gab es etwas zu essen und zu trinken. Dazu eine Decke, eine Schlafmaske und bequeme Latschen, alles im aparten LTU-Knallrot, Zeitschriften, Sekt und Filme. Kopfhörer dazu noch gratis. Kinder bekamen Malsachen.
Was für ein Urlaubsbeginn und absolut kein Vergleich zu dem Transport von heute.
Übrigens durfte man damals noch im Flieger rauchen. Ein Wahnsinn! Die hinteren Reihen wurden dafür reserviert, was natürlich richtig Sinn machte, wenn man als Nichtraucher in Reihe 20 saß, und in Reihe 21 die Raucherzone anfing.

In Recife gelandet, werden wir als ordentliche Pauschaltoursiten vom Reiseveranstalter abgeholt und zum Hotel gebracht. Ich bin noch heute davon überzeugt, dass der Veranstalter „Meditour“ hieß, obwohl mir Google heute sagt, dieser hätte keine Reisen in Brasilien gehabt. Aber das ist auch nicht wirklich wichtig.
Abends genehmigen wir uns einen Caipirinha an der Hotelbar. Alles ist hier unglaublich billig (Anmerkung: Das muss nicht mehr für 2026 gelten). Neben uns sitzen, der Dialekt verrät es eindeutig, ein paar Österreicher aus Wien.
Der Tourist nimmt gern mal Kontakt auf und fragt den Mit-Touristen aus, was er gebucht oder bezahlt hat, und wie er hergeflogen ist. Als wir stolz berichten, dass wir mit dem LTU Tristar angereist sind und eine Rundreise antreten, werden wir noch viel stolzer übertrumpft mit dem Satz: "Mir san´s vom Niki Lauda persönlich pilotiert worden". Zack! Das hat gesessen. Wir kennen noch nicht einmal den Namen unseres Piloten, und der wird wahrscheinlich sogar in seinem schnöden Leben nur einen VW fahren, statt ein Formel-1-Rennauto. Die Wiener hingegen wurden von einer berühmten Persönlichkeit geflogen. In diesem Moment wissen weder wir, noch die Wiener, dass Lauda Air später von Austrian Airlines geschluckt und seine später gegründete FlyNiki von Air Berlin aufgekauft wird, um dann inklusive Air Berlin pleite zu gehen. So! Immer noch so stolz? Nun ja, dass es LTU auch nicht besser ergangen ist, will ich hier nicht durchdiskutieren. Die Welt dreht sich halt weiter, und auch Airlines kommen und gehen.
Am nächsten Morgen startet die Rundreise. Auf dem Programm stehen Rio de Janeiro, Salvador, Fortaleza, Manaus, Brasilia, die Iguazúwasserfälle und Olinda.
Ich merke, ich bin irgendwie nicht der aktive, planende Reisepart so wie in späteren Jahren, sondern einfach nur Mitflieger. Habe mich so gut wie gar nicht auf die Reise vorbereitet. Wahrscheinlich, weil ich in meiner Flugpanik dachte, ich komme sowieso nicht dort an.
So war mir nicht wirklich bewusst, dass Brasilien fast den halben südamerikanischen Kontinent bedeckt und so riesig ist, dass es verschiedene Klimazonen gibt.
Jetzt, im Dezember, herrscht Hochsommer, wobei allerdings ganz generell die Temperaturen ganzjährig recht hoch sind.
Einzig an meine Sonnenallergie habe ich vorbereitend gedacht und mir von meinem Hausarzt Tabletten verschreiben lassen, die ich noch auf die ganzen Impfungen, die wir uns beim Gesundheitsamt haben verabreichen lassen (weil wir zumindest dachten, es zu müssen), draufzupacken.
Mit deren Einnahme verbringe ich 4 Wochen in Brasilien quasi wie im Trance, denn in den 1980ern machten solche Tabletten noch sehr müde.
Unsere Reiseleiterin heißt Frieda und ist ein recht altes Modell. Wahrscheinlich aber noch nicht einmal so alt wie ich in 2026, aber für mich in meinen 20er damals natürlich uralt.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, dass sie uns sehr viel erzählt hat, aber vielleicht habe ich es unter der Schläfrigkeit durch die Allergietabletten auch nicht mitbekommen.
Sie ist als Organisatorin die ganze Zeit dabei, und in den einzelnen Städten kommen zusätzlich Stadtführer hinzu.
Innerbrasilianisch fliegen wir mit Transbrasil, und das ständig, denn man kommt sonst einfach nicht im Riesenland voran.
Einige der Flüge gehen abends, und dadurch wird mir beim Blick aus dem Flugzeug auf einmal klar, dass da unter mir eine Millionenstadt nach der anderen liegt. Anscheinend kann Brasilien nicht klein. Nun ja, Dörfer gibt es natürlich auch, aber die wichtigsten Städte, die man als Tourist besucht, haben alle durch die Bank Millionen Einwohner. Das Lichtermeer unter mir zeigt es mehr als deutlich. Endlich nehme ich auch einmal einen Reiseführer zur Hand und lasse mir das eindrucksvoll schriftlich bestätigen.

Wir starten in Fortaleza an der Nordostküste mit etwa 2,5 Millionen Einwohnern. Die Stadt steht für konstant heißes, tropisches Klima, Kite-Surfen aufgrund der idealen Winde, hervorragende Meeresfrüchte und Fisch, wie er frischer nicht sein könnte. Am Strand lassen wir uns an einer Holzbude den eben gefangenen Fisch direkt auf den Grill werfen und genießen ihn im herrlichen Sand. Also, wir sitzen im Sand, der Fisch ist auf dem Teller.
Im Umfeld von Fortaleza begeistert mich eine Lagunen- und Dünenwelt. Vergessen ist auf einmal die Millionnestadt im Hintergrund.
Ich freue mich auf den nächsten Flug. Tatsächlich! Meine Flugangst ist weg! Wie konnte das passieren?
Wir überfliegen Sao Paolo, bzw. steigen dort um. Eine Megametropole mit damals schon gut 12 Millionen Einwohnern im Großraum. In den 1980er Jahren wie in den jetzigen 2000ern ein Schmelztigel der Kulturen, aber damals ein Epizentrum von Streiks und Protesten, denn Brasilien leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise, die das Land in Chaos stürzt. Die Armutsviertel, Favelas, beherbergen im Laufe des Jahrzehnts fast 20% der Bevölkerung (Quelle: Wikipedia). "Es ist ein nicht ernst zu nehmendes Land", so zitiert der Spiegel den französischen Präsidenten Charles de Gaulle.
Der Spiegel schreibt 1989 weiter über "Eine kranke Gesellschaft, einen ohnmächtigen Staat mit einer wie der Karneval von Rio weltberühmten Kriminalität und über 1000 Prozent Inflation".
Für uns Touristen allerdings bedeutet die Abwertung der Landeswährung Cruzeiro einen extrem preiswerten Urlaub, in dem täglich Steak&Lobster auf den Hoteltisch kommen könnten, wenn wir das täglich vertragen könnten.
Auch hier habe mich überhaupt nicht informiert, wie dieses Land da steht, für was es steht und wie es der Bevölkerung geht. Von solcher Unwissenheit kann ich heute nur dringend abraten, sehe aber auch, dass Reisende schon wesentlich genauer hinschauen, welches Land sie bereisen und welches nicht.
Bei unseren der Rundreise folgenden zwei Wochen Badeaufenthalt in Recife bekomme ich relativ unmittelbar mit, wie sich die Kriminalität auch den Touristen gegenüber zeigt. Unsere Reiseleiterin warnt uns, ab einer bestimmten Straße nicht mehr weiterzugehen, was wir auch befolgen, doch einer unserer Mit-Rundreisenden sieht das anscheinend als nicht ernst zu nehmend an und marschiert geradewegs mit seinen für die Basilianer wahrscheinlich extrem edlen Klamotten und einer fetten Kamera vor dem Bauch in eines der armen Viertel. Und wird...... angeschossen. Wir treffen ihn wieder im Hotel mit einem Arm in Gips.
Ehe ich weiter über unsere Reise berichte, möchte ich hier anmerken, dass es mir fern liegt, allgemein über ein Reiseland zu urteilen, vor allem, weil es vielleicht heute, in den 2000er Jahren ganz anders sein könnte, doch darf mir eine persönliche Beurteilung erlaubt sein, und die zieht auch die aktuellen Hinweise des Auswärtigen Amtes in Betracht, die unter dem Punkt "Kriminalität" nicht gerade einladend sind. Jedoch mag jeder selbst entscheiden, aber bitte informiere Dich ausreichend, vertraue Dich einem Reiseveranstalter an und buche vor allem abgesichert pauschal, anstatt vielleicht sogar mit dem Auto durch die Lande zu düsen. Du kommst eh nicht weit, denn ich möchte an die Dimensionen des Landes erinnern.
Zurück zu unserer Rundreise und speziell zum Verkehrsmittel Flugzeug, ohne das auch die Brasilianer zu solchen Anlässen wie gerade jetzt, Weihnachten und Silvester, überhaupt nicht zu ihrer Verwandtschaft kämen. Unsere Reiseleiterin erzählt uns, dass sehr lange gespart werden muss, um zu einem solchen Feiertag mit der möglicherweise weit entfernt wohnenden Verwandtschaft zusammen zu sein. Da ist man auf den Flieger angewiesen, und das merken wir hautnah.
An jedem Flughafen ist es wahnsinnig voll und das absolute Chaos.
In Brasilien gibt es zu der Zeit drei Airlines, VARIG, VASP und Transbrasil. Da stehen wir also nun in Fortaleza am Flughafen, mit uns gefühlt Tausende von Menschen mit Tickets in den Händen. Dann wird der Flug nach Brasilia aufgerufen und alles stürzt auf denselben Schalter zu, ganz egal, welche Airline auf dem Ticket steht.
Das Bodenpersonal wirkt total überfordert und versucht, das Chaos zu sortieren.
In unserem Transbrasil-Flieger sitzend erklärt uns unsere Frieda, wir sollten bitte den Platz nicht verlassen. Warum auch? Meint die, ich würde lieber wieder aussteigen? Zum einen habe ich mich mittlerweile in die Fliegerei verliebt, zum anderen habe ich keine Lust, allein noch weiter an den Dünenstränden abzuhängen, so schön sie auch sind.
Ich bemerke, dass sich die Stewardessen Handzeichen zuwerfen. Drei Finger zeigt die im vorderen Bereich stehende der im hinteren Bereich an, dann nochmal zwei, dann noch einen, oder auch wieder vier.
Je nach Anzahl der Finger werden wieder Passagiere ins Flugzeug gelassen, es ist unglaublich!
Ich muss dringend zum Klo und will aufstehen, doch mein Mann hält mich zurück, denn wenn ich einmal weg bin, wird vielleicht mein Platz neu belegt. Also kneife ich alles zusammen und warte den Start ab. Während diesem werden die Sicherheitsvorschriften erklärt. Immerhin, wir haben ja internationale Flugstandards, aber man darf anscheinend auch während des Steigfluges aufstehen und im Flieger umherlaufen. Oder auch rollen, denn es geht schon steil bergauf. Möglicherweise machen das die Menschen auch einfach, gegen die Regeln.

Während des Fluges nach Brasilia wird unter uns Touristen diskutiert, ob jemand weiß, wo wir umsteigen müssen.
Zwei Zwischenlandungen sind vorgesehen, und bei dem herrschenden Chaos wüssten wir schon gern, an welcher "Bushaltestelle" wir denn wohl aussteigen sollen. Auch unsere Frieda ist ratlos, so gehe ich einfach mal zum Piloten und frage nach. Die Cockpittür ist geöffnet, man darf sich dort umsehen. Erst Jahre später werden die Sicherheitsvorkehrungen strenger und machen einen Besuch im Cockpit unmöglich, und das betrifft natürlich nicht nur brasilianische Airlines, sondern alle.
Umfassend informiert kehre ich zurück zur Gruppe und berichte. Es sind die esten Anzeichen, dass ich mich wohl zur Reiseleiterin eigne, was ich da noch nicht weiß, denn das einzige, was ich in den Anfängen meiner Studienzeit als Ferienjob mache ist, im Reisebus auf dem Weg nach Spanien hin und zurück die Gäste mit Getränken und Bockwürstchen zu versorgen. Aber immerhin. Der Grundstein ist gelegt.
Wir steigen in Sao Paulo um nach Brasilia. Warum und wie solche Streckenführungen sind, erschließt sich mir nicht, es wird seine Gründe haben.
Neben uns sitzt ein Mann, der mich belustigt beobachtet, wie ich versuche, eine Organisation in unsere Reisepläne zu bekommen. Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass er schon tagelang auf dem Weg zu seinem Sohn im Amazonasgebiet ist und einen Flugpass hat, der ihm für eine gewisse Zeit erlaubt, nach Herzenslust im Land hin und herzufliegen. Dass sein Manöver allerdings nichts mehr mit Herzenslust zu tun hat, klärt er damit auf, dass er schon seit Tagen versucht, eine Verbindung zu finden, wo es einen freien Platz nach Manaus gibt. So fliegt er hin und her, um irgendwann dort anzukommen.
Sein flapsiger Spruch wird mir immer im Gedächtnis bleiben: "Ganz Brasilien ist eine Party". Sprach´s und ließ mich staunend zurück. Jetzt weiß ich Bescheid, da kann noch einiges auf uns zukommen.
Unser Gepäck ist da, wer hätte das gedacht!
Es geht ins geordnete Brasilia, eine Stadt, die ich in der Art noch nie gesehen habe. Auf dem Reißbrett entstanden und radikal in eine Wildnis gezimmert, sieht sie aus der Vogelperspektive wie ein Flugzeug aus. Schau Dir das auf Googlemaps mal an, es ist verrückt. Im Cockpit befinden sich die Administration und das Regierungsviertel, in den Tragflächen verteilen sich die Wohnviertel. Jedes hat seine eigene Schule, Geschäfte und grüne Freizeitbereiche. Als Fußgänger ist man jedoch total aufgeschmissen, denn die Stadt scheint exklusiv für Autofahrer konzipiert zu sein. Wir finden weder Ampeln, noch Fußgängerüberwege und hüpfen wie die Kängurus über die Hauptstraßen. Alles in Allem dennoch ein faszinierendes Erlebnis, wenn auch total unbrasilianisch und gefühlt ein wenig tot ohne das typisch quirlige Leben.

Eine völlig andere Welt ist Salvador do Bahia. Was soll ich sagen? Es ist wieder einmal eine Millionenmetropole. Hier bemerke ich, dass ein großes Stück Portugal in Brasilien steckt. Immerhin war Brasilien etwa 300 Jahre lang portugiesische Kolonie. Man erkennt den portugiesischen Einfluss an der Machart der Häuser, die in der kopfsteingepflasterten und unter UNESCO Welterbestatus stehenden Altstadt in knallbunten Farben daherkommen.
Die Sprache und Kultur vereint heute noch beide Nationen, und ich bin erstaunt, als uns der Reiseleiter erzählt, dass Rio de Janeiro sogar mal Hauptstadt von Portugal war. Zu Zeiten, als Napoleon auf Eroberungsfeldzug war und demzufolge auch Portugal im Visier hatte, floh der gesamte Königshof nach Brasilien. Die Kolonie regierte das Mutterland, was für eine merkwürdige Sache.
Aber Salvador hat auch afrikanische Einflüsse, das bemerkt man an den Einwohnern. Typisch sind die Frauen in weißen, wallenden Spitzengewändern, die an der Straße Lokale Produkte verkaufen.
So postkarten-idyllisch dieses Bild auch sein mag, es steckt eine schlimme Schattenseite dahinter, denn Salvador war einst der größte Umschlagplatz für Sklaven, die aus Afrika nach Südamerika verschleppt und auf den Plätzen Salvadors versteigert wurden.
Zu den schönen Seiten Salvadors heute gehört jedoch, dass es viel Musik gibt. Hier ist es niemals leise, das merke ich auch im Hotel in der Nacht. An Schlaf ist kaum zu denken, aber es ist faszinierend, welche Klänge durch die Altstadt schallen. Die Percussion-Band "Olodum", Ende der 1970er Jahre hier gegründet, entwarf einen einzigartigen Rhythmus und Sound und ist auch verantwortlich für den traditionellen Samba-Rhythmus, gepaart mit karibischen Reggae-Klängen.
Während meiner Reise durch Brasilien ahnt die Band sicher noch nicht, dass sie in den 1990ern eine Rolle im Musikvideo zu Michael Jackson´s "They don´t care about us" spielen werden.
Eine auch sozial engagierte Musik-Gruppe, die zum Beispiel armen Kindern in den Favelas kostenlosen Musikunterricht gibt, um ihnen eine Perspektive zu geben, die sie möglicherweise auf eine andere Bahn als die kriminelle lenkt.
Nun geht die Reise aber weiter, und wenn ich eben mit Salvador von einer anderen Welt gesprochen habe, dann gibt es noch eine weitere andere Welt: Manaus im Amazonasgebiet.

Transbrasil bringt uns in diese Stadt mitten im Dschungel, die erst Anfang der 1990er Jahre die Millionengrenze knacken wird. Bei meinem Besuch ist sie gerade in etwa so groß wie Dortmund heute (ich habe es nicht gezählt, die Statistikseite "Makrotrends" sagt das).
Mit der Einrichtung der Freihandelszone von Manaus geht es mit dem Bevölkerungswachstum rasant bergauf, denn es siedeln sich Firmen mitten im Regenwald an, weil sie hier kaum Steuern zahlen müssen. Hunderttausende Brasilianer ziehen in diese Stadt, die auch heute noch praktisch nur per Flugzeug oder über Wasserwege erreichba ist, um Arbeit in einem der Elektronikwerke zu finden.
Beim Ausstieg aus dem Flugzeug platscht mir eine dampfende Schwüle ins Gesicht, die mich langsam lahmlegt. Das Klima hier ist schon extrem. Man fühlt sich wie geduscht und möchte dennoch sofort wieder unter die Dusche.
Unser Ausflug führt natürlich in den Dschungel, denn das ist es, was man hier sehen und erleben will. Es geht per Boot über den Amazonas, der hier noch Rio Solimões heißt, zum Zusammenfluss mit dem Rio Negro.
Ich bin sehr, sehr aufgeregt, weil ich mir natürlich die Sichtung einiger Alligatoren und sonstiger tierischer Dschungelbewohner erhoffe.
An der Stelle, an der die beiden großen Flüsse aufeinandertreffen, bleiben zwei unterschiedliche Wasserfarben fast ohne sich zu vermischen nebeneinander. Das ist schon ein tolles Phänomen. Eine Seite schwarz, die andere lehmig-braun.
Dann steigen wir um in kleinere Boote, die wie Nussschalen sind, um in die kleinen Kanäle, die Igapós, zu manövrieren. Auf einem solchen Miniboot hockend bin ich auf einmal gar nicht mehr erpicht darauf, Alligatoren zu sehen.
Wir sehen auch keine, dafür ist es gar nicht die richtige Tageszeit. Lediglich bei einer kleinen Ansammlung von Hütten, die wir auf einem Spaziergang erreichen, zeigt uns ein kleiner Junge das für mich als Quoten-Alligator geltende Mini-Raubtier, dessen Glubschaugen in der Ferne unter einer Seerose so eben zu erkennen sind. Zudem trägt der Junge ein Faultier auf seiner Schulter. Das war’s mit der Fauna, und ich muss sagen, ein wenig enttäuschend ist es schon.

Während des Spaziergangs mit dem Guide durch Pfade des tropischen Regenwaldes unterhält sich dieser mit meinem Mann über Abenteuer und Ausflügen, die er sonst noch so begleitet. Da ist zum Beispiel Piranha-Angeln dabei, oder auch Alligator-Spotting oder das Beobachten von schlafenden Baum-Boas.
Die kleinen Ausflugsgrüppchen übernachten im Regenwald in Hängematten und durchleben eine Art Survival-Training.
Mein Mann ist hin und weg und möchte das auf einer weiteren Reise unbedingt erleben. Ich habe noch seine enthusiastischen Worte im Ohr: „Das machen wir mal, oder?“
Vielen Dank auch, das kann er mit dem Guide gern alleine machen. Ich lege mich sicher nicht in eine Hängematte zwischen Anakonda und Gift-Viper!!! Und soll dafür die Matte oder das Zelt auch noch selber aufbauen.
Der Guide erklärt mir, dass jedes Zelt, jede Hängematte, mit einem Moskitonetz umschlossen wird, damit die Stechbiester, sowie Spinnen und Schlangen fern gehalten werden. Und die giftigen Schlangen würden sowieso bei jeder Erschütterung durch unsere Tritte am Boden verscheucht.
Na, da bin ich aber beruhigt, dass ich nicht vergiftet, sondern maximal erwürgt werden könnte, und lehne dankend ab.
Du merkst mittlerweile vielleicht schon, dass das ganze Brasilienabenteuer nicht wirklich meines ist. Dennoch gibt es in mir natürlich eine gewisse Faszination, aber kein Wiederholungsgedanke.
Wir bleiben den Flüssen treu als wir nach Iguazú fliegen.
Auch sehr viel Wasser, aber anders. Hier bringt uns der Reiseveranstalter in einem schönen, sehr weitläufigen Hotel im Stile einer Hazienda unter, quasi direkt oberhalb der berühmten Wasserfälle.
Ich bin mittlerweile klimageschädigt dauer-schwitzend und Allergietabletten-dauermüde, so dass es für mich undenkbar ist, noch zu den Wasserfällen runterzuwandern für noch mehr Feuchtigkeit. Vielleicht ist sie ja erfrischend, doch ich schaffe das einfach nicht mehr und lasse meinen Mann seinem Aktivitätsdrang alleine nachgeben.
Er kommt durchnässt zurück, von ihm tropft gefühlt die Hälfte der 20% Wasserfall ab, die zu Brasiliens Seite gehören (der Rest fällt auf die Argentinier), aber er ist begeistert.

Ein Höhepunkt einer Brasilienreise ist Rio de Janeiro, was wir über Weihnachten anfliegen. Der Blick vom Corcovado, den eine gigantische Jesus-Statue krönt, auf die Copacabana ist atemberaubend, aber wiederum ein Blick auf die Favelas, an denen wir in einiger Entfernung auf dem Ausflug vorbeifahren, sehr deprimierend.
Am Heiligabend gönnen wir uns im Hotel ein fürstliches Weihnachtsmahl, das mir tatsächlich ein wenig im Hals stecken bleibt, als ich aus dem Restaurantfenster schauend auf eine Frau blicke, die sich gerade mit 3 Kindern ein Nachtlager unter Zeitungen in einem Geschäftseingang einrichtet.

Es geht zurück nach Recife, wo wir 2 Wochen Badeurlaub anhängen und über Silvester sein werden.
Silvester ist in Brasilien ein spektakuläres Fest. Zu den Traditionen gehört, dass man ganz in Weiß gekleidet am Strand feiert und sich dann in die Wellen stürzt. Sieben Wellen muss man überspringen, und auf jede Welle folgt ein Wunsch, der hoffentlich in Erfüllung geht.
Doch das allein reicht nicht, es erfordert auch spezielle Unterwäschefarben.
Blau steht für die Gesundheit, rot natürlich für die Liebe, Gelb für Geld und Grün für Gück ganz im Allgemeinen.
Wir erleben das Spektakel am Strand mit, und ich hüpfe zumindest über eine Welle.
Was ich mir wünsche? Einen sicheren Heimflug.
Auf den ich mich wie verrückt freue, denn ich habe ja keine Flugangst mehr.
….. Warst Du schonmal in Brasilien? Was sind Deine Erfahrungen? Teile sie mir gern mit als Kommentar ……
*Mangels Fotos aus dieser Zeit enthält dieser Blogpost Bilder aus lizenzfreien Datenbanken und KI.






Ich wollte nur mal "querlesen". Dann hab ich aber den ganzen Bericht aufmerksam "verschlungen". Fesselnd geschrieben, lustig und dabei informativ. Perfekt!