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IM ZUG NACH EDINBURGH

BIG TALK UND LECKER ESSEN


Dieser Blogpost stammt aus dem Jahre 2023, ist aus meiner alten Blogseite übertragen und erscheint deswegen erst jetzt an dieser Stelle. Lesenswert bleibt er trotzdem.


Juni 2023. Zugegeben, dieses ganze Streik-Gefieze ist mir bei meiner Endlich-einfach-mal-nur-Urlaubsreise gehörig auf die Nerven gegangen, aber endlich im Zug von London nach Edinburgh ist alles wieder gut.



Um 11:40 h komme ich im Bahnhof St. Pancras an, sprinte rüber zum benachbarten Bahnhof King's Cross und stehe um 11:55 h am Schalter, um ein Ticket für den LNER um 12:00 h nach Edinburgh zu ergattern.

Tja, hättest du mal eher gebucht, wirst du jetzt besserwisserisch denken, aber die Vorgeschichte, warum ich erst 5 Minuten vorher am Schalter buche, möchte ich hier nicht ausbreiten. Da waren einfach zu viele Streiks und Verspätungen im Spiel. Soviel dazu. Das muß reichen, denn zu diesem Zeitpunkt reicht es mir eigentlich auch schon mit der Bahn.

Der Bahn-Salesmanager, oder wie immer man dazu heute auch sagt, verkauft mir 2 Tickets zum Wucherpreis ohne Garantie auf einen Sitzplatz. Mir ist das mittlerweile sowas von egal, denn ich will einfach nur ankommen und habe schließlich einen Koffer, auf den ich mich für 4,5 Stunden hocken kann.

Der Zug ist proppenvoll, ich stelle mich auf eine Fahrt auf dem Koffer vor dem Klo oder an sonst einem unangenehmen Ort sitzend ein.

Mit mir sind da noch viele Leidensgenossen. Und die Genossinnen leiden natürlich gleichermaßen, um hier die Genderquote zumindest ein einziges Mal anzureißen.

Nach Abfahrt des Zuges mache ich mich auf den Weg durch die Waggons auf der Suche nach zwei freien Plätzen und parke solange meinen Mann neben unserem Gepäck.

In der First Class werde ich fündig. Es versteht sich von selbst, dass ich hier nochmal für ein Upgrade in die Tasche greifen muss. Und das ebenfalls ohne Platzgarantie. Wann immer jemand unterwegs einsteigt und diese Plätze beansprucht muß ich weichen. Aber egal. Hier ist es schön. Relativ viel Beinfreiheit, wobei mit dem Abstand in unserem Reisebus natürlich nicht annähernd vergleichbar, ein Tisch und ein freundliches weibliches Gegenüber. Schottin, wie sich bald herausstellt. Welch ein Wunder aber auch?! Eine Schottin in einem schottischen Zug nach Schottland! Das ist mal ein Ding!

Der nächste Halt ist in Doncaster, südlich von York. Wer wird denn schon in Doncaster zusteigen?! Wer aus Doncaster möchte gerade heute nach Edinburgh? Und wir haben Glück, die Plätze bleiben uns weiter sicher.


Die Grenze zwischen England und Schottland
Die Grenze zwischen England und Schottland

Ein Kellner kommt vorbei und fragt, ob wir etwas trinken möchten. Ich hatte schon ein bisschen in der Speisekarte geblättert und fand dort nirgends Preise. Das liegt daran, dass in der First Class fast alles inklusive ist. Zumindest auf dieser Strecke in diesem Zug. Da kannst du alles haben: Wein, Bier, Gin, Whisky, Kaffee, Tee.... und Chipse.

Und es gibt ein Mittagsmenü, auch inklusive.

Über die Speisekarte entwickeln sich dann auch die ersten Gespräche. Der Kellner lobt sämtliche Speisen über den grünen Klee. Und einige Fahrgäste auch: "Ich hätte als Nachspeise gern das Apfeltörtchen, aber nur, wenn es genauso lovely ist wie letztes Mal".

"Of course, Sir, es ist delicious as ever."

Gebongt. Das Törtchen ist an den Mann gebracht.

Ich nehme das auch. Wahrhaftig, es ist sehr, sehr lecker, und mein Mann probiert auch noch die Hauptspeise, einen Burger mit.... ich hab's vergessen, aber war auch lecker.

Bis York sind unsere Plätze sicher. Dann steuert ein altes Ehepaar auf uns zu, also noch älter als wir.

Zwei Schotten, die in York ihre Flitterwochen verbracht haben, wie ich später durch deren Redseligkeit herausfinden konnte. Das war sehr mutig von ihnen, wo es doch immer noch ein Gesetz aus früheren Jahrhunderten gibt, das es einem gestattet, Schotten, die mit Pfeil und Bogen durch York laufen, zu erschiessen.

Nun ja, nach Pfeil und Bogen sahen mir die beiden nicht aus. Er hatte lediglich einen Krückstock, aber damit kann man nicht so viel anrichten. Hoffe ich zumindest.

Auf jeden Fall ist die Geschichte der beiden herzerwärmend.

Sie haben sich im Alter von 71 kennengelernt und ziemlich rasch geheiratet. Wie er anmerkte, haben sie die „Stag-and-Hen-Party“, den legendären Junggesellen/innen-Abschied weggelassen, weil sie lieber ihren Whisky im Stillen geniessen und es niemand sieht, falls sie dann im Rausche die Treppe runterfallen. Merkwürdiger britischer Humor! Aber die Hochzeitsreise, die musste sein. Und wo könnte es romantischer sein als im mittelalterlichen York. „Mittelalter“, sagt sie, „das passt doch zu uns“.

Wir tauschen uns aus über Hochzeitsreiseziele. Unseres war damals London, und wir waren nicht ganz so alt. Es ist immer wieder schön, wenn man Anknüpfungspunkte findet, woraus Gespräche entstehen, die die Zeit wie im Fluge vergehen lassen.

Wir bekommen wieder mal was zu essen. Guter Schaffner, er sieht schon, dass wir fast verhungern. Ich lobe die British Rail, bin ich doch im Mutterland der Eisenbahn, und habe die Streiks und Verspätungen wohl mittlerweile vergessen. Nun ja, als Bewohnerin eines Landes, in der die DB ihr Unwesen treibt, ist das hier mit den Verspätungen doch alles nur, wie ich salopp anmerken möchte, Pille-Palle. Nicht der Rede Wert.

Sofort ernte ich Gegenwind, denn die Deutsche Bahn scheint in den Augen des verliebten Pärchens ein Vorbild zu sein. What???? Das ist doch nicht deren Ernst! Dass man im Hochzeitstaumel mal die rosa Brille auf hat, ist mir klar, aber so tief rosa? Ich kläre auf, aber sie können es gar nicht glauben.


Es geht weiter nach Edinburgh, wo wir ankommen als es bereits dunkel ist. Noch eine halbe Stunde Fahrt mit dem Linienbus raus nach South Queensferry, mein Lieblingsort im Dunstkreis der schottischen Hauptstadt.


4 Kunden von mir sind ebenfalls im selben Boutiquehotel, und ich möchte sie gern einladen auf ein Getränk. Ein junges Paar, das aber schon früh zu Bett ist und ein so altes wie wir, das mit uns dann die schottische Nachte bei Whisky durchmacht. Verkehrte Welt irgendwie.


Am Morgen starten wir frisch in unseren wohlverdienten Schottlandurlaub, mit dem Leihwagen. Sicherheitshalber.


 
 
 

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