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Aller guten Dinge sind 6. Mein Jahr mit Schottland

Ein Jahr geht zu Ende und man überlegt, was man alles erlebt hat. Prinzipiell könnte man auch im Mai überlegen, was man seit dem letzten Mai erlebt hat. Aber es passiert immer am Jahresende. Und natürlich geht es mir nicht anders.

Ich stelle fest, ich durfte sechsmal Schottland besuchen, davon zweimal privat und ansonsten als Reiseleiterin einer Gruppe. Hinzu zähle ich 14 virtuelle Reisen, da ich meine Individualgäste unauffällig im

Hintergrund verfolgt habe, immer etwas wehmütig mit dem Gedanken "Da wäre ich jetzt auch gern".

Im Februar begann alles mit einem Einschnei-Erlebnis am Loch Tay. Wie oft hatte ich schon mit allem Möglichen gerechnet, das mich auf der Insel halten würde. Immer kam dann der Gedanke auf, dann ist das eben so. Dann bleibe ich noch ein wenig länger.

Wobei das dann meistens an der Verfügbarkeit der Unterkünfte scheitern würde, denn spätestens nach diesem abgefahrenen crazy Jahr kann ich mir aktuell überhaupt keine Region in Schottland vorstellen, wo man spontan mal eben seine Unterkunft noch verlängert bekommt. Alles irgendwie immer fully booked. Oft frage ich mich dann, was wollen die eigentlich alle hier. Im Februar. Wer fährt denn bitte im Februar hier hin? Es scheint also neben mir noch einige andere zu geben, denen die Jahreszeit hier egal ist. Das ist ja mal ein Ding!

Mein Glück im Februar, als ich eingeschneit war, lag darin, dass ich das Ferienhaus nur noch zwei weitere Tage bekommen habe, weil die neu Ankommenden eben wegen Schneegestöber nicht nach Kenmore kamen.

Im Mai dann hatte ich eine schöne Whiskyreise organisiert. Und was soll ich euch sagen, es kamen solche Kommentare wie, ich würde ja mitfahren, aber ich mag keinen Whisky. Folglich strickte ich das Programm so um, dass für Whiskygegner eine Alternative da war.

So fand ich zum Beispiel den Bolfrack Garden zwischen Aberfeldy und Kenmore.

Den Wegweiser dorthin hatte ich viele Male im Vorbeifahren gelesen, doch immer hielt mich der Gedanke, dass da oben am Hang nicht wirklich Tolles sein könnte, davon ab, hinzufahren. Außerdem ist die Auffahrt in einer Kurve gelegen, und überhaupt hatte ich immer was anderes geplant.

Diese Gärten sind ein Kleinod. Im Mai waren wir die einzigen dort und haben es genossen. Die Ausblicke über das Tal des Flusses Tay sind wundervoll, die Farbenpracht zu der Zeit aufgrund der Rhododendronvielfalt zum Niederknien.

Für alle Whiskyfans kann ich die Dewar's Aberfeldy Destille empfehlen. "6 flight experience" war gebucht für ein kleines Grüppchen von 8 Personen. Mehr passen hier auch nicht in den "Flieger". Ein merkwürdiges Wort, flight, für eine Verkostung. Allerdings fliegt man als Whiskyfan wahrscheinlich durch den 7. Himmel, und das gleich sechsmal.

 

Die Inseln Islay und Mull konnte ich dann auch besuchen, nachdem die Fähren wegen Sturm im Februar ausgefallen waren. Es war aber auch ein zu frommer Wunsch von mir, bei der angekündigten Schlechtwetterfront auch nur den Hauch einer Hoffnung zu hegen, dass eine Überfahrt stattfinden könnte.

Ich war nicht so übermäßig begeistert von Mull, aber das ist, wie alles im Leben, reine Geschmackssache. Vielleicht lag es auch am Wetter, ich habe keine Ahnung. Auch als Schottlandfan darf es mal Dinge geben, die einem nicht so gut gefallen.

Die Verkostung in der Destille, diesmal war es Gin, war allerdings unschlagbar, und Tobermory in seinen Pastelltönen auch wirklich sehr hübsch.

Islay fand ich großartig. Für mich ist schon jeder Ort, jede Insel großartig wenn es dort einen uralten Friedhof am Meer gibt. Das ist bei Port Ellen der Fall. Der Spaziergang am Strand noch dazu sehr entspannend.

Derweil waren unsere Whiskyfans auf der Destillenmeile nicht mehr zu bremsen und haben alles mitgenommen was auf dem Weg lag: Steine, Stechginster, Sand.... Spaß! Die verschiedenen Whisky-Tastings natürlich.

Und immer wieder kann ich mich für meine Gäste freuen, dass wir unseren Bus unter den Füßen haben und niemand auf ein Tasting verzichten muss, nur weil er zum Fahrer ausgeguckt wurde.

Diese Rolle besetzt dauerhaft mein Mann, der sich damit begnügt, die Whiskies unprobiert zu kaufen. "For later, in Germany". Und eine Sammlung dieser kleinen Probierfläschchen "for the driver", der nicht trinken darf, haben wir auch schon. Bei der nächsten Destille frage ich dann lieber mal, ob sie mir ein passendes Regal dafür mitgeben können statt weiterer Fläschchen.

Am Rande sei hier erwähnt, dass die Fähre nach Islay, wie übrigens auch zu anderen Inseln, für Reisende mit Auto absolut dringend vorausgebucht werden sollte. Sie fahren nicht im Stundentakt, so dass ich eben mal vorbei husche und spontan einen Platz bekomme, weil ich so ein schönes Auto habe. Mich gruselt es immer ein wenig, wenn ich in Facebook-Gruppen lese, dass man dann einfach mal spontan ist und sich treiben lässt, so ohne Reservierung. Da wünsche ich ein dickes Toi Toi Toi und buche derweil meine Passage jetzt schonmal für nächstes Jahr. Auf diese Art von treiben lassen und mir dadurch meine angedachten Highlights zu schreddern kann ich nun mal so gar nicht.

Doch auch hier gilt natürlich, jeder so wie er mag (und sie natürlich auch).

 

Noch ein Highlight aus der Mai-Reise möchte ich erwähnen und Freunden von entweder schönen Herrenhäusern oder aber Golfern ans Herz legen: Hill of Tarvit Mansion House im Kingdom of Fife.

Hier sind die Hickory Golfer unterwegs, in sehenswerten Knickerbocker-Monturen, karierten Socken und Schlägermütze.

Nach zwei für eingefleischte Schottlandfans wahrscheinlich Ausrutschern ins englische Cornwall und Yorkshire gab es im Juli wieder Edinburgh. Diesmal im Schnelldurchlauf als Geschenk für meinen Neffen zum Abi und 18. Da kann die Tante ruhig mal was springen lassen, und es soll ja mein Schaden auch nicht sein. Also schleife ich den Jungen über die Royal Mile und durch die New Town, bis er am Grassmarket bei einer Erfrischung im Pub Beehive (der mir übrigens immer wieder gut gefällt) verwundert ist, wie seine 60jährige Tante so durch die nicht gerade unhügelige Stadt sprintet. Alles Training, und für tolle Städte sind meine Kräfte schier grenzenlos. Noch!

Das Wetter ist ein Traum, mein Neffe ist begeistert und wundert sich über etliche schottische Wörter, bei denen ihm das Schul-Englisch nichts nützt.

Im August ist Festspielzeit. Fringe und Military Tattoo bringen Edinburgh zum Kochen. Zumal nach zwei der Pandemie zum Opfer gefallenen Jahren. Das Motto "Voices" soll "8000 spines" zum Zittern oder Beben bringen. 8000 Menschen mit ihren 8000 Wirbelsäulen könnten also auf den Tribünen der Castle Esplanade vor Spannung klappern.

Ich erlebe die Show auf zwei Touren, wobei in der Tat die Spätvorstellung wegen des Lichtspektakels die schönere ist.

Alle Bands sind super, auch wenn ich mich prinzipiell mit der mexikanischen Truppe etwas schwer tue, weil deren Gitarren immer so überdimensioniert sind und man die Zupfer dahinter kaum sieht.

Mein Favorit, natürlich neben den Massed Pipes and Drums, sind die Top-Secret-Trommler aus der Schweiz und die Rockband mit dem Song Shake that Bagpipe.

Kann man alles googeln und dann auch hin und weg sein, aber live ist natürlich mehr hin und noch viel mehr weg.

 

Die Klassiker-Ausflüge haben wir im August natürlich im Programm, und das sind unter anderem Glencoe und Glamis Castle (sprich: Gla:ms). Bei meiner Anmerkung beim Ticketkauf, wie sehr ich mich freue, endlich diese Burg zu besuchen, entgegnet man mir, dass ich dann wohl bislang die beste verpasst hätte. Damit liegt die Messlatte sehr hoch, doch für mich überspringt Glamis sie mit Bravour. Besonders gefreut hat mich der Spaziergang über den MacBeth-Trail. Figuren wie die drei Hexen, der ermordete King Duncan und Lady MacBeth, der ihre blutbefleckten Hände Schlaf und Verstand rauben, stehen dort in Holz geschnitzt, und ich frage mich, wie konnte ich das Shakespeare-sche Alt-Englisch in meiner Studienzeit nur attraktiv finden?

Meine ersten Highland Games habe ich in Aberfeldy erlebt. Nach 40 Jahren Schottlandreisen. Wie konnte mir das bislang entgehen!?

In einem separaten Blogbeitrag habe ich sie genau beschrieben.

Von bockigen Schafen mit orangenem Fell, über bewundernswerte Highland-Dancer, höchst respektierte Dudelsackspieler bis hin zu prämierten Kühen. Und beste Kuchen, schönste Gurke, tollste Möhre und best gestecktes Blumenbukett. Ein Augen-, Ohren, und Gaumenschmaus.

Last, but not least gab es auch im August ein Whisky-Tasting. Für mich die schönste Führung in der Region um Edinburgh herum gibt es in der Lindores Abbey Distillery, die zugleich jüngste und älteste Destille des Landes ist.

Wie das geht lasst euch am besten selbst vor Ort erklären. Das Team ist klasse, vor allem, weil man neben den üblichen Erläuterungen zum Herstellungsprozess auch die Entstehungsgeschichte des Lebenswassers anschaulich serviert bekommt.

Übrigens kann man dort auch Kleinigkeiten essen. Dass der überbackene Camembert mein Favorit ist, darf ich jetzt so gar nicht formulieren, denn man könnte meinen, ich hätte schon die ganze Karte rauf und runter gegessen. Dem ist nicht so.

 

September, Oktober und November waren Schottland frei, mit wieder einem Ausrutscher zum südlichen Nachbarn. Kent, Somerset, Devon. Gern könnt ihr mich dazu um Tipps befragen.

 

Und nun ist Dezember. Am Nikolaustag heißt es dann: Geweih auf und ab zum Christmas Market in Edinburgh. Um netten Kolleginnen Schottland näher zu bringen ist die Woche gut durchstrukturiert.

Castle of Lights ist der absolute Kracher. Ich kann nur hoffen, dass es das in 2023 auch wieder gibt, obwohl es den Anschein hat, dass es wohl nicht so sein wird. Sind die denn verrückt geworden? Das können die mir doch nicht antun!

Nichtsdestotrotz bastele ich eine Adventstour zusammen und hoffe auf rege Teilnahme. Im Moment sind Vormerkungen wie immer noch unverbindlich. Kostet noch nix, bringt aber schon Vorfreude.

Auf dem Calton Hill liegt Schnee, und wer auch immer hier wen reflektiert, der Himmel den Schnee oder umgekehrt, das Licht ist magisch.

Ein Abstecher nach Stirling wird gemacht, wo ich jetzt gerade einen herrlichen Ausblick auf schneebedeckte Berge habe.

St. Giles Kathedrale, die aber mangels Bischofssitz eigentlich keine ist, sondern die High Kirk, hat fantastische Konzerte in der Weihnachtszeit, und ich komme nicht umhin, wieder einmal ein Päckchen zu heulen bei "Holy Night".

Ich will jetzt wieder mal nicht hier weg. Da war doch irgendwas mit Streik, habe ich gelesen, doch betrifft es nicht die Reederei, sondern wieder einmal die Bahn.

Ich erinnere mich, dass es in diesem Jahr bei fast allen Individualreisen, die ich für Kunden ausgearbeitet habe, einen Bahnstreik gab, und es erwischt mich jetzt auch beim Ausflug nach Stirling. Ich konnte zwar immer alles irgendwie retten, so dass auch dank der Flexibilität meiner Reisenden ihr Erlebnis immer gut war, aber ganz ehrlich, wer Schottland mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereisen will, muss schon Nerven wie Drahtseile haben und flexibel sein wie ein Gummiband.

Klimaschutz ist eine gute Sache, aber so ganz ohne Auto eine Schottlandreise machen, die weite Entfernungen hat, das ist schon eine echte Herausforderung.