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SICH BESCHWEREN AUF ENGLISCH

Ich liebe englische Cottages. Sie sind so heimelig-gemütlich, so urig und „so very British“ halt. Ich mag überhaupt kein Hotel mehr buchen, denn meine Erfahrungen mit den Cottages sind einfach immer nur gut, und die Ausstattung ist viel moderner und hübscher als in so manchem 4-Sterne-Hotel.

So auch dieses Mal wieder.



In Kent, das ist die Grafschaft im Südosten, die sich auch „Garten Englands“ nennt. Da wächst alles was der Brite braucht: Getreide, Gemüse, Kartoffeln und Hopfen.

Und es gibt auch alles, was der Tourist braucht: Burgen, Schlösser, Kathedralen, Küste mit imposanten Kreidefelsen, Strände, Gärten und niedliche Dörfer.

Mich verschlägt es diesen Frühling in die Nähe von Sevenoaks. Die Vermieterin kündigt telefonisch schon blumig an, daß entlang der Auffahrt schon die „daffodils“ blühen, das sind die Osterglocken.



Ich freue mich wie Bolle auf den englischen Frühling! Die Engländer sind begnadete Gärtner, da wird schon das eine oder andere Beet erblühen.

Mein Coach Cottage erreiche ich in der Nacht gegen 3 Uhr. Immerhin bin ich gerade erst aus Edinburgh in Düsseldorf gelandet, habe meinen Pass vorgezeigt und damit signalisiert, daß ich wieder in Deutschland bin, nur um etwa 4 Stunden später wieder nach England einzureisen. Wenn ein Zollbeamter hier mal genau guckt, denkt der sicher auch, die spinnt. Ich habe mir zur Not schon die Ausrede einfallen lassen, daß ich etwas vergessen habe und deswegen schnell nochmal einreise. In dieser Nacht wird natürlich außer Schlafzeug nichts mehr ausgepackt, sondern sofort das Bett aufgesucht. Halt! Wenigstens noch schnell zum Klo und Zähne putzen. 

Das Cottage liegt wunderschön, das kann ich im Dunkel noch erkennen, und die Räume sehen hübsch eingerichtet aus. Ich werde mich wohlfühlen.

 

Doch, herrjemine, das Bad hat schon länger keine Generalreinigung mehr gesehen. Ich behaupte, nicht sehr pingelig zu sein (oder doch, ich bin‘s wahrscheinlich doch), aber hier kann ich nicht aufs Klo ohne vorher noch eine ganze Sagrotanflasche über der Schüssel auszuschütten.

Das muß ich der Besitzerin am nächsten Morgen aber wirklich sagen. Das ist eine Nummer zuviel, ich muß mich tatsächlich über den Zustand des Bades beschweren. 

Aber wie macht man das, ohne die Besitzerin völlig zu verletzen? 

Wir Deutsche neigen ja dazu, gleich die volle Beschwerde-Kanne mit den entsprechenden gemeinen Kommentaren über unserem „Gegner“ auszuschütten. Aber der Brite tut das nicht. 

Ich erinnere mich noch gut an eine Adventstour nach Trier, bei der das Abendessen im Hotel wirklich zu wünschen übrig ließ. Alle droschen auf den Kellner ein, wie ungenießbar das doch wäre, obwohl „ungenießbar“ tatsächlich übertrieben war, nur meine schottische Freundin nicht. Sie sagte keinen Ton und hat tapfer gegessen.


Der Brite beschwert sich nicht so wie der Deutsche. In meinen Augen tut er es eher gar nicht, sondern nimmt alles sehr gelassen hin und äußert maximal, daß es „nicht soooo schlecht war - not too bad“.

Wer es nun richtig macht, das lasse ich mal unkommentiert.

 

Nun habe ich aber überlegt, wie ich meine Reklamation bei der Hausbesitzerin los werde, denn es ist klar, so ganz unkommentiert lassen kann ich es nicht.

Wir werden sehen, am nächsten Morgen, wenn ich ausgeschlafen bin. Dann werde ich es sagen - klar und deutlich, daß man das Haus so nicht vermieten darf.

 

Wir sitzen beim Frühstück, mein Mann, der beste Ehemann von allen, und ich sind glücklich, Urlaub zu haben und überlegen, welchen großartigen Supermarkt wir als erstes überfallen.

Da kommt eine Frau die Auffahrt hoch, das muß die Besitzerin sein. Und dann steht sie in der Tür, das herzlichste Lächeln auf den Lippen und mit einem überaus niedlichen, 10 Monate alten Labrador an der Leine.

Und was mache ich? „Lassen Sie ihn doch ruhig von der Leine. Wir lieben Hunde, hatten selber zwei und vermissen sie. Gott, ist der süß. Darf ich ihn anfassen?“

Und Ann erzählt mir, daß er zum Blindenhund ausgebildet wird. Ich bin hin und weg. Sie fragt mich, ob ich schon die Osterglocken in der Auffahrt bewundert habe. Dieses Jahr sind besonders viele da. Ja, habe ich schon gesehen und finde sie ganz wundervoll.

Und sogar eine Kamelie blüht, und der Rhododendron auch jetzt schon. Wer hätte das gedacht, im kalten, regnerischen England?


„Ist es denn nicht schwer, sich von dem niedlichen Labrador zu trennen wenn er dann fertig ausgebildet ist“ frage ich. „Ach“, antwortet sie, „wenn ich dann sehe, daß er einem Blinden helfen kann, das ist soviel wert“.

Ich bin noch mehr hin und weg.

Sie fragt, ob wir irgend etwas brauchen. Sie hilft gern, jederzeit. Und wenn wir Restaurant-Tipps brauchen, sie hat da Empfehlungen auf Lager. Ob wir genügend Handtücher haben und sie einen Wein ausgesucht hat, der uns gefällt, fragt sie noch weiter.

„Alles perfekt“ antworte ich und vergesse das mit dem Bad. Ich kann mich jetzt nicht mehr beschweren, das wäre einfach zu gemein.

Und was stelle ich mich eigentlich so an? Ein bisschen Sagrotan kann ich schon selbst aufsprühen, ein paar Spinnweben schnell mal wegwischen, und außerdem verstehe ich ja, auf dem Land kommen die sowieso morgen wieder.

Alles ist prima, wir sind total zufrieden.

„Thank you very much, we are more than happy“, sage ich.

So beschwert man sich auf Englisch.


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